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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1906-12-01 · 12 (12.1906) · p. Seite 2

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
18 (1906)
Issue
12 (12.1906)
Date
1906-12-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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diesem Zwange nachgeben und uns Folgendes sagen: Im politischen Leben hat nur Geltung, wer gebraucht oder gefürchtet wird. Furchtbar sind wir nie gewesen, brauchbar sind wir als Anhängsel dieser oder jener Partei nicht mehr. Wir müssen daher trachten, ein politisches Eigendasein zu gewinnen, wir — die Juden — müssen den Versuch machen, eine politische Einheit zu werden. Da man uns nicht mehr als Deutsche, Tschechen, Polen jüdischer Konfession gelten lässt, sondern uns als eine besondere, von unseren christlichen Mitbürgern unterschiedene Bevölkerungsklasse ansieht, sind wir gezwungen, das in Wahrheit zu sein, als was man uns bisher fälschlich bezeichnet hat: eine selbständige politische Gruppe. Als solche haben wir tatsächlich die Möglichkeit, uns geltend zu machen und uns eine kraftvolle, energische Vertretung im neuen Parlamente zu schaffen. Die neue Wahlkreiseinteilung bietet uns eine Anzahl sicherer Mandate. Eines in Wien (Quaiviertel), sieben in Galizien und zwei in der Bukowina. Es ist ein unumgängliches Gebot der politischen Selbsterhaltung, dass wir diese Wahlbezirke von überwiegend jüdischer Majorität mit jüdischen Abgeordneten besetzen, und zwar nicht mit solchen, die sich nur verschämt als Juden bekennen, sondern mit V o 11j u d e n, die jederzeit bereit sind, für die gleichen Rechte ihrer Glaubens- und Volksgenossen tapfer und rücksichtslos in die Schranken zu treten. Aber damit ist der politische Einfluss einer selbständigen Organisation der jüdischen Wählerschaft noch nicht abgegrenzt. Es gibt in Wien (Leopoldstadt und Eossau), in Mähren, Böhmen, Galizien und der Bukowina auch eine Reihe von Wahlbezirken, in welchen die Juden einen so beträchtlichen Bruchteil der Wählerschaft ausmachen, dass kein Kandidat sich über ihre Wünsche und Interessen hinwegzusetzen vermag. Wir werden in diesen Wahlbezirken wohl nicht die Wahl jüdischer Abgeordneter durchsetzen, aber wir werden verhindern können, dass Männer gewählt werden, die nicht ehrlich auf dem Boden der konfessionellen Gleichberechtigung stehen. Auf solche Weise ist es möglich, nicht nur eine kräftige jüdische Vertretung von etwa zehn Abgeordneten im Parlamente zu schaffen — eine Gruppe, die unter Umständen ihr Gewicht und ihre Bedeutung beansprucht — sondern uns auch wertvolle Bundesgenossenschaften zu sichern. Das Alles gilt schon für den Augenblick, mehr aber noch für eine fernere Zukunft. Denn die Grundzüge, die wir hier für eine künftige jüdische Politik und Taktik festgelegt haben, werden sich durch die Wirkungen des allgemeinen Wahlrechtes immer mehr befestigen. Gehen wir nur mutig und frei von Vorurteilen ans Werk und der Erfolg wird nicht ausbleiben. S. F.

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