Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 11 (11.1906)
- Date
- 1906-11-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/9756662-9603423-9603704--1559-9603716- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
12 der zur Verbannung verurteilten Bewohner der Gegend und vieler israelitischer Gefangener, die man aus allen Richtungen des Landes herbeigeführt. In dem von rohen, übermütigen Siegern umringten Lager herrschte unsägliches Elend: Gefesselte Männer und Jünglinge, in schweren Ketten schmachtende Greise, gramgebeugte Frauen, Knaben, denen man Holzblöcke an die Füsse gebunden, bleiche, abgehärmte Mädchen und Scharen von kränkelnden, abgemagerten Kindern sahen in Seelenangst ihrem ferneren Schicksale entgegen. Dabei waren die Eindrücke aller schrecklichen Erlebnisse der jüngsten Vergangenheit noch ganz frisch. In peinlicher Wehmut wurde des niedergebrannten Heiligtums, der verlorenen Herrlichkeiten Zions und der ausgeraubten, zerstörten Wohnsitze gedacht und in blutenden Herzen wühlten Erinnerungen an die im Verzweifhingskampfe fiir's Vaterland gefallenen Krieger, an die von den Hufen der Rosse zertretenen Greisinnen und Greise, an die an den Mauern zerschmetterten Säuglinge, an die hingemordeten und dem Hungert de erlegenen Verwandten und Freunde und an verschollene Angehörige. In dem auf dem Boden eines Stammes, in dessen Gebiet seine Ahnfrau Rachel ihr Grab hatte, gelegenen Hauptquartiere befand sich auch ein Sträfling, den die Babylonier zu Jerusalem in einem Gefänofnisgrebäude gefunden und mitgebracht hatten; es war der Prophet Jeiemias. Auch er war gefesselt. Die judäischcn Machthaber hatten ihn für einen Verräter erklärt und der Freiheit beraubt, weil er ihre Sitienfäulnis schonungslos kritisiert und die bösen Folgen ihrer verfehlten Politik vorausgesagt. Ihm wurden jedoch zu Ramah auf Befehl Nebusaradons die Ketten abgenommen. Er erhielt die volle Freiheit und ist, als er sich nach einigem Zögern entschlossen, sich zu den unter dem von den Babyloniern eingesetzten Landpfleger Gedalja zurückgelassenen Stammesgenossen, nach Mizpa zu begeben, noch obendrein von dem Feldherrn beschenkt worden. (Jeremias, Kap 40.) Wir kennen den heiligen Mann aus seinen Reden und Klageliedern und aus seiner Geschichte soweit, dass wir uns eine Vorstellung zu machen vermögen, wie bitter es ihm auch noch nach seiner Befreiung zumute war. Die aus des Tyrannen Händen erhaltenen Geschenke, die er nicht zurückweisen durfte, waren nur Wermut für seinen Leidenskelch, indem sie sich wie Verräterlohn ausgenommen, und was er um sich her gesehen und gehört, war nur seine Aufregung und Verbitterung zu vertiefen geeignet. Er sagt in einem seiner Klagelieder: ,.Ich bin der Mann, der das Elend gesehen unter seines Zornes Zuchtstab." Er dürfte wohl kaum irgendwo das Elend des Volkes, dem er viele Jahre in selbstlosester Weise alle seine Kräfte gewidmet, in einem grösseren Umfange gesehen und schmerzlicher empfunden haben als zu Ramah,