Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 11 (11.1906)
- Date
- 1906-11-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9756662-9603423-9603704--1558-9603715- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
11 dass es, in modernster Prägung ausgemünzt, Verbreitung finde zu ihrem Heile, aber auch zu Nutz und Frommen aller Andern. Das letzte Wort wird das allgewaltige Schicksal sprechen. Wollen wir vor ihm bestehen, so müssen wir uns zusammenfinden, so müssen wir suchen: nicht was uns trennt, sondern was uns einigt! (Lebhafter, anhaltender Beifall.) Israelitische Stammestugenden. in; Das als eine Hauptwurzel der Tugend schon an und für sich bedeutungsvolle Mitleidsgefühl hat sich dem Israelitenvolke stets als ein Anker erwiesen, der den Wogen der barbarischen Zeitströmungen, die es zu verschlingen gedroht, Trotz geboten. Insolange es in unserer Gemeinschaft unverhältnismässig viele gibt, deren Herzen sich zu einander wie ganz gleichgestimmte Saiten verhalten, durch die es bei jeder Berührung hinüber und herüber tönt, werden wir, in allen Stürmen der bösen Gewalten, uns an der Oberfläche erhalten. Israel geht nicht unter, weil die Angriffe, die auf seine Existenz gemacht werden, ein von aktivem Erbarmen getragenes Gemeingefühl anfachen. Wer unser Lebenslicht auslöschen will, bläst in eine Flamme, die stärker ist als sein Atem. Untergehen könnten wir nur, wenn die heilige Glut auf dem Altare, von dem sie emporlodert, erlöschen würde; das wird jedoch, auch wenn allen unseren Feinden, die nacheinander die Weltbühne betreten, schon längst der Atem ausgegangen sein wird, noch immer nicht der Fall sein. Die tiefe Stimmung des israelitischen Gemütes haben schon die Propheten in ihrer ganzen Bedeutung erkannt und in ihr eine Quelle der Hoftnung und des Trostes erblickt. In höchst origineller Weise hat das Jeremias in einer seiner Trostreden zum Ausdrucke gebracht; seine Worte lauten: „So sprach der Ewige: Eine Stimme wurde zu Ramah gehört bitterlich weinen, Rachel weint um ihre Kinder, denn sie sind dahin. Also sprach der Ewige: Halte zurück deine Stimme vom Weinen und deine Augen von Tränen, denn ein Lohn ist für dein Wirken, ist der Spruch des Ewigen und sie werden zurückkehren aus dem Lande des Feindes. Und Hoffnung ist für deine Zukunft, ist der Spruch des Ewigen und die Kinder werden zurückkehren in ihr Gebiet." (Jeremias, K. 31. 15. 16. 17.) Der Sinn der eigenartigen Weissagung ist nur von ihrem geschichtlichen Hintergrunde aus ersichtlich : In den Tagen nach der Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier hatte ihr Feldherr Nebusaradon sein Hauptquartier zu Ramah, im Gebiete des Stammes Binjamin. Das Städtchen und seine Umgebung war der Sammelplatz