Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 11 (11.1906)
- Date
- 1906-11-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9756662-9603423-9603704--1556-9603713- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
9 für einen jüdischen Kataster zu gewinnen. Die Vorkämpfer dieses Programraes erkannten freilich nach kurzer Zeit, dass für diese Bestrebungen in Westösterreich kein Boden sei. Sie konzentrierten ihre Aufmerksamkeit auf Galizien und die Bukowina und es hat den Anschein, dass es ihnen gelingen wird, einige jüdisch-nationale Abgeordnete ins Parlament zu bringen. Dies wäre an sich nur zu begrüssen. Auch wir Juden in Westösterreich können nur gefördert werden, wenn die Sache der Judenschaft im Parlament kraftvoll und mit Leidenschaft geführt wird. Ich möchte aber nicht unerwähnt lassen, dass die jüdisch-nationale Politik im Osten Oesterreichs droht, eine Richtung einzuschlagen, mit der wir uns wohl kaum befreunden können. Wenn manche Vorkämpfer des Zionismus und der jüdisch-nationalen Inlandspolitik der konfessionellen Schule das Wort reden und sich für den Jargon als Volks- und Unterrichtssprache erwärmen, so ist dies eine Auffassung, die wir, wie ich glaube, nie und nimmer akzeptieren können. Wir, denen Feuerbach und Kant, Darwin und Haekel in succum et sanguinem tradiert worden ist, können unmöglich ruhig mitansehen, wenn die Religion in die Sphäre der Wissenschaft eindringt. Nun aber ist wohl anzunehmen, dass nach den bestehenden Verhältnissen in Galizien die dort angestrebte jüdisch-nationale Schule den Charakter " einer orthodox-konfessionellen Schule erhielte. Und was den Jargon betrifft, diese Ghettosprache,, so wäre es von grösstem Nachteile für die Jugend, wenn sie wirklich ihre Erziehung in dieser Sprache erhielte. Ich abstrahiere davon, dass ihr Eintritt ins Leben hiedurch erschwert wird. Ich vermag es schlechterdings nicht zu fassen, wie man sich für die Konservierung dieser Sprache einsetzen kann, wenn man etwa des Glückes teilhaftig wurde, sich der deutschen Sprache als Muttersprache bedienen zu können, einer Sprache voll Kraft und Wohllaut, in welcher die intimsten Empfindungen vollendeten Ausdruck finden, i einer Sprache, welche uns die schönsten Eindrücke unseres Lebens in harmonischer Form vermittelt, jener Sprache, in welcher die deutschen Wälder rauschen und die deutschen Quellen rieseln, der Sprache Goethes, Schillers, Heinrich Heines! Der Zionismus weicht von dem richtigen Wege ab, wenn er die konfessionelle Schule und den Jargon propagiert. Der Zionismus erstrebt, seiner richtig erfassten innersten Natur nach, den gleichen Erfolg wie die „Assimilation", nämlich die Veredelung des Juden und seine Befreiung aus den Banden des Ghettotums. Es ist zweifellos, dass auch der Zionismus sich zunächst ..assimilatorisch" gebärdete, als er auf jüdische Volksmassen einzuwirken begann. Der jüdische Student, der sich sein Cerevis aufs Haupt setzte und zum Schläger griff, unternahm den Versuch, den anderen nichtjüdischen Studenten zu ähneln. Und wenn der orthodoxe Jude zu der Ueberzeugung kam, dass Palästina durch politische Aktionen und nur durch die Kraft menschlicher Bestrebungen wiedergewonnen werden