Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 11 (11.1906)
- Date
- 1906-11-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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8 Schäften will. Er schafft zu diesem Zwecke die in modernen Betrieben gebräuchlichen Gerätschaften an. Aber seine Knechte bedienen sich ihrer gar nicht oder selten, sie finden es statt dessen für richtig, sie mit nationalen Farben zu schmücken. Und dann ergibt sich das eine oder das andere Mal ein schlechtes Jahreserträgnis. Da sagen die Grossknechte, die neuen Gerätschaften sind schuld daran, — eben jene Betriebsmittel, von denen sie kaum Gebrauch gemacht hatten. Vor allem anderen aber sagen sie, die Feldmäuse tragen die Schuld. Meine Hochverehrten, die Grossknechte in Oesterreich haben den Staatsgrundgesetzen, der modernen Schule, der Gewerbefreiheit, kurz den modernen Errungenschaften alle Schuld an der wirtschaftlichen und politischen Misere beigemessen — jenen Errungenschaften, die sie national gefärbt und im Uebrigen so unvollständig verwendet haben. In erster Linie aber klagten sie über das vermeintliche Wirken der Feldmäuse, d. i. der Juden. Wohl nicht anders wird das Schicksal des allgemeinen Wahlrechtes sein. Es wird schon jetzt national angestrichen und man muss annehmen, dass es rückschrittlich und willkürlich praktiziert werden wird. Dann aber dürfte sich die Situation noch düsterer gestalten. Die Hochflut einer slavischklerikalen Reaktion bricht dann über Oesterreich herein. Und die Lage der Juden wird schlimmer als je. Es ist allerdings zu hoffen, dass der Rückschlag nicht lange ausbleiben wird, wenn auch erst nach schweren politischen Erschütterungen. Was aber sollen die Juden bis zu diesem Zeitpunkte unternehmen? Man rät ihnen, im Verein mit den christlichen Mitbürgern die Gründung einer neuen freisinnig-demokratischen Partei zu versuchen. Allein die politische Zeugungskraft der Juden ist viel zu schwach und die Erfahrung hat gelehrt, dass die nichtjüdischen Mitbürger sich für die Demokratie nur wenig strapazieren. Ein anderer Rat geht dahin, wir mögen uns den Sozialdemokraten anschliessen. Aber mit dieser Verbindung hat es ein eigentümliches Bewandtnis. Nach jedem Wahlkampfe, in welchem wir mit den Sozialdemokraten gemeinschaftlich vorgingen, ist uns der Stuhl vor die Türe gesetzt worden. Die Sozialdemokraten lassen keinen Zweifel darüber offen, dass sie die Kooperation mit uns nicht wünschen. Es erübrigt somit nichts anderes, als sich auf S e 1 b s twehr zu beschränken, aus eigener Kraft sich der eigenen Rechte anzunehmen. Die Feldmäusetheorie darf nicht unwidersprochen bleiben, sie darf kein anerkannter Lehrsatz werden und darum ist die ausgegebene Parole nachdrucksvoll zu verbreiten : Wahl jüdischer oder nichtjüdischer, aber fortschrittlich gesinnter Abgeordneter. Eine andere Frage ist, ob diese jüdische Politik nicht etwa eine jüdisch-nationale Färbung erhalten soll. Sie wissen, dass der Versuch unternommen wurde, uns für eine jüdische Kurie und