Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 11 (11.1906)
- Date
- 1906-11-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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7 sie. Abstrahiert man von der Beteiligung der Judenschaft auf dem Gebiete der Publizistik, so kann von einem politischen Leben der Juden in Deutschland nicht die Rede sein. Die Juden fühlen sich daselbst auch nur als Einzelwesen oder als Bekenner eines Glaubens und selbst die Führer der zionistischen Partei in Deutschland haben es entschieden abgelehnt, jüdisch-nationale Politik zu treiben. Sie gliedern sich vielmehr dem „Gesamtverbande der deutschen Juden" an, deren Hauptbestreben auf die Erlangung der Gleichberechtigung in Deutschland gerichtet ist. Die Ausimilierung der Juden in Deutschland schliesst im Uebrigen keineswegs die werktätige Unterstützung der fremden Juden aus. Die Hilfsbereitschaft unserer jüdischen Mitbiüder in Deutschland ist eminent und ich möchte auch an dieser Stelle ihrer humanitären Bestrebungen zugunsten der östlichen Juden rühmend gedenken. Ich komme nun auf Oesterreich zu sprechen. Wir stehen im Bannkreise der Wählte f o r m. Auch sie ist, wie Sie wissen, eine Wirkung der grossen russischen Eruption. Vom Sturme der revolutionären Bewegung emporgetrieben, hat sich der Gedanke des allgemeinen Wahlrechtes über Ungarn her Bahn gebrochen. Wir Juden sehen der Entwicklung der Dinge erwartungsvoll entgegen. Es steht über allem Zweifel lest, dass wir die Zertrümmerung der volksteindlichen Privilegien nur begrüssen können. Denn je allgemeiner der Genuss von Rechten ist. desto fester begründet ist unser Anspruch auf Gleichberechtigung. Wir vermochten, meine Hochverehrten, diesen Anspruch bisher nicht durchzusetzen. Wir sind allerdings bei seiner Geltendmachung höchst seltsam zu Werke gegangen. Wir glaubten, Wunder was zu leisten, wenn wir gegen die Vergewaltigung unserer Rechte vor dem Forum der Weltgeschichte protestierten und in der Presse schwarz auf weiss bewiesen, dass unsere Sache eine gute Sache sei. Wenn wir statt dessen wenigstens bei der Wahl unserer Anwälte grössere Vorsicht an den Tag gelegt hätten! Waren jene politischen Parteien, die wir mit unserer Vertretung betrauten, wirklich die Freunde unseres Rechtes, oder kam es nicht vielmehr sehr häufig vor, dass sie insgeheim Streitgenossen unserer Gegner wären? Es wird sich zeigen, ob wir durch die Erfahrung klüger geworden sind. Bis auf Weiteres gibt es nur eine Parole und die ist: Wahl von jüdischen Abgeordneten. Und in jenen Bezirken, wo dies nicht möglich ist, Wahl von nichtjüdischen, aber freiheitsfreundlichen Vertretern. Es drängt sich die Frage auf, ob die Konstellation unter der Herrschaft der neuen Wahlordnung nicht für die Lage der Juden ungünstiger ist als unter dem Regime des Privilegienpaiiamentes. Lassen Sie mich die Antwort auf diese Frage in Form eines Bildes erteilen: Unser Reich gleicht einem Grundbesitzer, der seine Güter in modernem Stile bewirf-