Mannheim
Compact Memory

Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1906-10-01 · 10 (10.1906) · p. Seite 21

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
18 (1906)
Issue
10 (10.1906)
Date
1906-10-01
Page
Seite 21 (sequence 21)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9756662-9603423-9603675--1539-9603696
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

21 hassdurcbglühte Pamphlete in die urteilslose Menge zu werfen, und vor allem in ländliche Wahlkreise, in denen gär zu leicht alles Gedruckte für bare Münze genommen wird." Diese Gefahr ist in Kussiand natürlich eine noch weit grössere, wo das Volk auf einer ungleich niedrigeren Kulturstufe steht und blindlings auf das Wort des Popen schwört. Wenn infolge dieses gemeinen aufreizenden Flugblattes an den bevorstehenden jüdischen Feiertagen neue Judenschlächtereien in Russland stattfinden sollten, so tragen die indirekte Verantwortung hierfür die deutschen Antisemiten, welche die Urheberschaft dieses traurigen Machwerks für sich in Anspruch nehmen können. Berlin. Die antisemitische Presse aller Länder behauptet, dass die Juden die Hauptträger der Revolution sind. Die Sprache der statistischen Zahlen straft diese Behauptung indessen Lügen. Von den Angeklagten der 3B9 politischen Prozesse, welche im Jahre 1905 in Petersburg verhandelt wurden, gehörten 62'/, pCt. dem Bauern-, 271/, pCt. dem Mittelstand, der Rest anderen Berufskreisen an. Der Mittelstand, der in Russland kaum 12 pCt. der üesamtbevö.kerung ausmacht, bat also mehr als 27 pCt. aller Revolutionäre gestellt. Wie einst in allen anderen Ländern, geht die Revolution in Russland von den Städten aus und wird vorwiegend von dem Mittelstand geleitet. Man musste demnach erwarten, dass die Juden, die ja von der Regierung seit fünfundzwanzig Jahren gewaltsam in den Städten zusammengepfercht werden, ein unverhältnismässig starkes Kontingent—sagen wir 10 pCt. — aller Revolutionäre gestellt haben. In Wirklichkeit verhält sich die Sache ganz anders. Während der zehn Monate vom 23. November 1905 — 23. Au?ust 1906 sind in Russland nicht weniger als 12.694 politische Verbrecher meist nach Ostsibirien verbannt worden. Unter ihnen befanden sich nur 972, d. h. kaum 7'65 pCt. Juden. So sieht die antisemitische Fabel von der überwiegenden Anteilnahme der russischen Juden an der Revolution in statistischer Beleuchtung aus Man muss dabei ferner noch berücksichtigen, dass eine grosse Anzahl jener jüdischen „Revolutionäre" tatsächlich mit der Revolution nicht das Geringste zu schaffen hatten, sondern von erpresserischen Beamten, deren Habgier sie nicht befriedigen konnten, dessen bezichtigt wurden, oder dafür büssen müssen, dass sie während der Pogrome ihren bedrohten Glaubensgenossen beistanden. Berlin. (Geschworenendienst an jüdischen Feier-, tagen.) Der Gerichtshof des Schwurgerichtes zu Bromberg fällte eine bemerkenswerte Entscheidung: Die beiden jüdischen Geschworenen der gegenwärtigen Schwurgerichtszeit hatten den Antrag gestellt, sie von der Teilnahme an der Freitag-Sitzung zu entbinden, da am Freitag Nachmittag ein hoher jüdischer Feiertag, das Versöhnungsfest, beginne. Der Vertreter der Staatsanwaltschaft hatte gegen die Beurlaubung der Antragsteller nichts einzuwenden, der Gerichtshof beschloss aber nach längerer Beratung, die Gesuche abzulehnen. Er folgte dabei, wie der Vorsitzende ausführte, einem beim Bromberger Landgerichte stets geübten Brauch, der auch bereits von allen bis zu den höchstgerichtlichen Stellen gebilligt worden sei. Da die Herbst- Schwurgerichtszeiten in der Regel in den September fielen, in diesem Monat aber mehrere jüdische Feiertage stattfänden, so könnten sich bei einer grösseren Anzahl von jüdischen Geschworenen leicht Erschwernisse ergeben, wenn solchen Gesuchen nachgegeben würde. Sie müssten daher, wie auch das Posener Oberlandesgericht entschieden habe, grundsätzlich abgelehnt werden Berlin. (Verband für Statistik der Juden.) Die statistische Organisation, welche in ihren Anfängen mit mangelndem Verständnis für die gemeinnützige Bedeutung ihrer Arbeiten zu kämpfen hatte, hat in diesem Jahre eine sehr gedeihliche Entwicklung genommen. Dank den Veröffentlichungen des Bureaus für Statistik der Juden wurde die Tragweite und Uner-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.