Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 10 (10.1906)
- Date
- 1906-10-01
- Page
- Seite 20 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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20 nicht mehr in der Lage sind, die Erziehung der Kinder zu übernehmen. Das Aktionskomitee hat die Vorarbeiten zur Ausführung seines Planes bereits begonnen und hat auch die anderen grossen jüdischen Korporationen eingeladen, sich an dem Werke zu beteiligen. Budapest. (Eine Vertretung des Judentums im Magnatenhaus.) Das Abgeordnetenhaus wird sich demnächst mit einer sehr interessanten Frage zu beschäftigen haben. Es handelt sich um die Entsendung eines offiziellen Vertreters des Judentums in das Magnatenhaus. Das Komitat Tolna richtete nämlich an das Abgeordnetenhaus eine Petition, in welcher diesem aufgefordert wird, dafür Sorge zu tragen, dass ein hervorragendes Mitglied des jüdischen Klerus ständig Sitz und Stimme in dem Magnatenhause erhalte. Derzeit würden nur Juden in das Magnatenhaus berufen, welche dem Grosskapitalismus angehören. Vom Gesichtspunkt der Gleichberechtigung sei es unbedingt notwendig, die Autonomie der Juden zu regeln und einen offiziellen kirchlichen Vertreter ins Magnatenhaus zu designieren. Das Abgeordnetenhaus bat diese Petition dem Petitionsausschuss zugewiesen und schon in den nächsten Wochen dürfte das Haus zu der Angelegenheit Stellung nehmen. Berlin. (Die erdichtete Grossrabbiner-Eede.l Das antisemitische Demagogentum ist international. Das in Hunderttausenden von Exemplaren von der russischen Geistlichkeit verbreitete Flugblatt gegen die Juden ist der wörtliche Abdruck jener plumpen Fälschung, mit der die Liebermaun v. Sonnenberg'sche „Antis. Korr." im Februar 1901 in Deutschland ihr antisemitisches Gift auszustreuen versucht hat. Man forschte nach: Wer ist denn dieser Gross-Rabbiner? Wie heisst er? Wo hat er gelebt? Wo und wann hat er diese niederträchtige Rede gehalten? Ist er wirklich ein lebendiger Mensch von Fleisch und Blut gewesen? Nichts von allem! Diese Rede, die nach der „Antisein. Korr." ein Gross-Rabbiner in einer geheimen Versammlung „gehalten hat" (!!), ist nichts als eine widerliche, aus der Luft gegriffene Erfindung, aus einem Bfcinan niedriger Gattung, der unter dem Titel: „Gaeta, Warschau, Düppel", in Berlin im Jahre 1868 erschienen ist. Der Veifa.^ser dieses Romans ist der aus dem Prozess Waldek wohlbekannte Zeuge R-chnungsrat Hermann Goedsehe, welcher als Romanschriftsteller den Namen John Retcliff führte. In diesem Roman im ersten Bande befindet sich ein Kapitel: „Auf dem Judenkirchhof in Prag " Es wird dort der Verlauf eines erdichteten Sanhedrin geschildert, welches alle 100 Jahre einmal an dem Grabe des Rabbi Simeon Ben Jehuda in der Nacht stattfinden „soll". Das jetzt in Russland in Massen verbreitete aufreizende Flugblatt enthält genau denselben blödsinnigen Text der Rede, die nach dem Roman der Gross-Rabbiner auf dem Judenkirchhof gehalten hat. Die „Antis. Korr.", der alsbald ihre niedertiächtige Fälschung nachgewiesen worden war, erklärte alsdann auch kleinlaut: „Nun, es ist ein Roman". Es handele sich aber schliesslich nicht darum, „ob diese Rede auf dem Prager Judenkirchhof oder anderswo gehalten wurde, ob sie überhaupt als Rede mit diesen Worten zum Ausdruck kam (!!): die Ideen und Bestrebungen, die darin offenbart sind, haben bestanden und bestehen noch heute — das lehren tausend Tatsachen." — Nach demselben Rezept werden wahrscheinlich die russischen Spiessgesellen der „Ant. Korr." jetzt verfahren, sobald sie die Fälschung nicht länger aufrecht erhalten können. Empört über diese Schändlichkeit schrieb damals ein kirchliches Blatt in Deutschland: „Man bedenke, wie entsetzlich gross die Gefahr ist, solche lügenhafte und