Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 10 (10.1906)
- Date
- 1906-10-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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11 gar nicht liebt? Dann hätte er ja das Recht und die Pflicht, andere ebenfalls nicht zu lieben! Das alles sind natürlich nur öde Spekulationen. Der Satz: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst" ist einfach die jüdische Umschreibung für Menschlichkeit, Barmherzigkeit; diesen Satz haben eben Juden gemacht Sie haben darin ihrer Menschlichkeit, ihrem Barmherzigkeitsgefühle nach ihrer Art Ausdruck gegeben. Wem Menschlichkeit, wem das Gefühl der Barmherzigkeit fremd ist, wird jenen Satz unmöglich begreifen. Dass auch Chamberlain das Gefühl für Nächstenliebe fremd ist, das bezeugt sein Bach. Ist das Nächstenliebe, ist das Menschlichkeit, Mitleid und Barmherzigkeit, wenn man die Juden, die, wie er selbst zugibt, durch 1900 Jahre auf tierische Weise gequält, gepeinigt und gemordet worden sind, neuerdings, kaum dass sie begonnen hatten, die Einstellung der bisherigen Qualen zu erhoffen, dem Hasse und der Verachtung der Völker preisgibt? Chamberlain verwahrt sich gegen den Vorwurf des Antisemitismus; subjektiv mag das Buch nicht einer antisemitischen Neigung des Verfassers entsprungen sein; die Gerechtigkeit gebietet es, anzuerkennen, dass die Juden nicht die einzigen sind, die er angreift; sie befinden sich da in Gesellschaft insbesondere der Kirche; aber objektiv ist dem Buche der Antisemitismus aufgeprägt und dürfte es als Nachschlagebuch von allen Antisemiten der Welt benützt werden. Dies hätte ihn abhalten sollen, mehr als unbedingt notwendig, die Juden anzugreifen. Zwei Dinge führt Chamberlain gegen, die Juden an, bezeichnend angeblich für die Gemütsroheit der Juden : 1. Das schon im Altertume den Juden zum Vorwurf gemachte odium generis humani, den Hass gegen alle Nichtjuden. Das ist ein gar merkwürdiger Vorwurf. Er basiert nicht auf festgestellten Erscheinungen wirklichen Hasses gegen die nichtjüdische Menschheit, sondern darauf, dass wir in dieser Menschheit nicht untergehen wollen. Ist der Hass gegen alles Nichtjüdische, dass die Juden sich überall und zu allen Zeiten den Nichtjuden anschmiegen und trotz Verfolgungen unter ihnen ausharren, dass sie Mühe und Not mit den Nichtjuden teilen und sich für sie erschlagen lassen? Würde ich mich als Mensch nicht scheuen, einen solchen Vergleich zu ziehen, ich würde die Juden mit dem Hunde vergleichen, der sich seit unvordenklichen Zeiten dem Menschen zugesellt hat und darin in hündischer Treue ausharrt. Freilich untergehen wollen wir nicht und insbesondere sind wir nicht so tief gesunken, in der Menge unserer Peiniger aufzugehen — inde ira! 2. Der zweite Vorwurf besteht in folgendem. Chamberlain sagt: Wie immer man über Christus denken möge, ob man an ihn glaubt oder nicht. Christus als geschichtlicher Mensch, der sich für eine Idee geopfert, muss jeden edel denkenden Menschen mit Ehrfurcht und Bewunderung erfüllen. Tatsächlich haben sogar Atheisten (Voltaire, Diderot) in Worten höchster Bewunderung über ihn