Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 10 (10.1906)
- Date
- 1906-10-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/9756662-9603423-9603675--1528-9603685- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
10 dass ich Chamberlain dort, wo er von Religion, insbesondere von der Religion der Indoeuropäer im Gegensatze zur Religion der Juden, die er eine verkümmerte nennt, spricht, nicht recht verstehe. Chamberlain spricht von der Kunst Griechenlands und dem Rechte Roms mit gründlichem Verständnis; man lese, wie anderswo über das Eindringen römisch-rechtlicher Begriffe in das germanische Volkstum gezetert wurde und noch gezetert wird. Chaiiiberlain dagegen sagt es mit vollem Verständnis, dass Rom das Recht begrifflich auf alle Ewigkeit festgelegt hat. Dasselbe muss aber auch von der Religion der Juden gesagt werden. Die im Volke Israel entstandene Religion ist die Religion, eine andere gibt es nicht und wird es nicht geben. Das Volk Israel hat den Gottesbegriff und das Verhältnis des Menschen zu Gott aut alle Ewigkeit festgelegt. Chamberlain bemängelt es an uns, dass Gott und das Verhältnis des Menschen zu Gott in unserer Vorstellung zu geschichtlichen Tatsachen geworden sind und aufgehört haben, ein Spiel unserer Phantasie zu bilden. Nun, Chamberlain versuche es, anders zu machen! Das ist ja das Klassische, das nicht zu Ueberbietende, dass die Existenz Gottes für uns nicht ein Glaubenssatz, sondern eine Wahrheit ist und dass wir das Verhältnis des Menschen zu Gott nicht auf dem Grundsatze do ut des, sondern auf uns selbst, auf unser sittlich-religiöses Verhalten stellen. Wenn ich vom Judentum spreche, sehliesse ich auch das Christentum der Evangelien ein, an dem Chamberlain eben das bemängelt, ,dass es mit dem Judentum eng zusammenhängt. Ich behaupte,, dass Chamberlain, der Germane, dieses Christentum ebensowenig versteht als das Judentum. Religion ist ein dem Menschen innewohnendes, natürliches Gefühl, wer dieses Gefühl nicht hat, wird Religion nicht begreifen. Mit Worten allein lässt sich Religion nicht erklären. Ich behaupte, dass Chamberlain das angeblich christliche, in Wirklicheit echt jüdische Gebot: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst", nicht versteht. Da wird zuerst darüber gestritten, wen die Juden unter dem „Nächsten" verstanden haben. Stade und mit ihm Chamberlain behaupten, „Rea" bedeute nur den jüdischen Volksgenossen, nicht auch den Fremden. Es ist ja möglich, dass „Rea" ursprünglich diese enge Bedeutung gehabt hat; aber dass schon zur Zeit Christi darunter jeder Mensch verstanden wurde, dies bezeugen die Evangelien, nach denen Christus einen Pharisäer _ auf die Frage, welche die Hauptgrundsätze der jüdischen Religion seien, als einen der Hauptgrundsätze das „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst" nannte, und Christus wird doch gewiss unter dem Nächsten den Menschen, nicht bloss den Juden verstanden haben. Und ferner: wie soll man das verstehen, dass man den Nächsten wie sich selbst lieben solle? Darnach wäre die Nächstenliebe nur relativ, der Römer würde sagen: „quam in suis rebus", also je nach dem Grade der Selbstliebe. Wie aber, wenn einer sich selbst