Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 10 (10.1906)
- Date
- 1906-10-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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9 tausend Jahre es die Germanen bringen werden, wissen wir noch nicht; Griechen und Körner brachten es höchstens auf je tausend Jahre; die Geschichte der Germanen beginnt erst mit Karl dem Grossen, also seit dem neunten Jahrhundert; vor Karl dem Grossen gab es nur eine Geschichte einzelner germanischer Volksstämme, als Goten und Longobarden, die zur Zeit Karls des Grossen zum grossen Teile bereits verschwunden waren. Vorläufig haben die Germanen erst eine tausendjährige Geschichte. Ich wünsche ihnen ein noch langes, langes Leben, die Germanen sind wirklich ein tüchtiger Menschenschlag, aber bis dreitausend Jahre dauert es noch lange und dann erst wird sich ein Vergleich zwischen der germanischen und semitischen Rasse ziehen lassen. Bis dahin sollten daher die Germanen, wenn sie von Semiten reden, recht bescheiden sein. Dass wir Juden keine Kunst, keine Wissenschaft, dafür seit dem Untergange der alten Welt eine öde Religionsphilosophie und dann eine noch ödere Scholastik besessen haben, das steht fest. Es muss jedoch als mildernd angeführt werden, dass zur Zeit unserer nationalen Unabhängigkeit eine Wissenschaft überhaupt nicht existierte und dass, als mit Plato die Wissenschaft, mit den griechischen Künstlern die Kunst, mit den Römern das Recht erstand, wir bereits ein national verkümmertes und von allen Seiten bedrücktes Volk waren. Und dieser Druck dauerte Iis vor kurzem, eigentlich besteht er heute noch. Wir atmen ja erst seit etwa hundert Jahren, und was haben wir in dieser kurzen Zeit geleistet? Unsere grössten Feinde gestehen uns zu, dass wir recht gelehrige Schüler gewesen sind Und da hören wir aus dem Munde eines so grossen Germanen, wie es Chamberlain ist, dass wir mit unserem Atem die Welt verpesten. Wann wird denn der auf uns lastende Druck endlich aufhören und wann dürfen wir hoffen, dass man uns endlich gestatten wird, Menschen zu sein? Um Kunst und Wissenschaft zu haben, muss man frei sein, so lange wir geknechtet sind, können wir keine Kunst, keine Wissenschaft haben, das steht fest. Nun also, Kunst und Wissenschaft haben wir bisnun nicht gehabt, aber werden wir sie auch in der Zukunft nicht haben? Aus der Vergangenheit kann auf die Zukunft nicht geschlossen werden; denn erstens ist. warum wir bisher keine Kunst noch Wissenschaft haben, gerechtfertigt, und zweitens sind wir ein langlebiges Volk, wir sind vielleicht noch nicht in unser Mannesalter getreten, und somit ist die Hoffnung nicht ausgeschlossen, dass auch wir dereinst Kunst und Wissenschaft besitzen werden. Chamberlain stellt die Geschichte geradezu auf den Kopf, wenn er behauptet, dass wir nie eine wahre Religion besessen haben. Bisher waren alle Gelehrten darin einig, dass im Altertum nur drei Völker führend waren: die Griechen in der Kunst, die Römer im Recht und die Juden in der Religion. Tch muss sagen