Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 10 (10.1906)
- Date
- 1906-10-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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5 Die Zukunft der russischen Juden. Von Dr. Paul Nathan. Ich habe immer den Standpunkt eingenommen, dass man, um zu einem richtigen Urteil zu gelangen, nicht die Zukunft der Juden in Russland isoliert in das Auge fassen darf. Das Schicksal der Juden hängt ab von dem Schicksal, das Russland in seiner Gesamtheit erfahren wird: die griechisch-katholischen Grossrussen wie auch die Kleinrussen und alle Nationen, die unter dem Namen der Fremdvölker zusammengefasst werden, als da sind: Finnen, Deutsche, Esthen, Letten, Juden und Armenier, um nur jene zu erwähnen, deren Namen während der jetzigen revolutionären Zeiten häufiger genannt worden sind. Die russische Reaktion kann keiner dieser Nationalitäten Freiheiten gewähren und sie muss auch so bald als möglich jene Konzessionen wieder rückgängig zu machen suchen, die sie in einer Zwangslage den Finnen gegeben hat; sie kann auch eine relative Selbständigkeit der Deutschen in den Ostseeprovinzen nicht respektieren, und daher erscheint es mir eine ganz falsche Politik, wenn die Deutschen in den Ostseeprovinzen auf bleibendes Wohlwollen in Petersburg rechnen. Und die Juden können ebenso wenig auf irgend welche wesentliche Erleichterungen hoffen, wenn das jetzige Regime siegreich bleibt: Der Grund ist immer der nämliche, die Zukunft jedes einzelnen Volkskörpers in Russland ist durch dasselbe Gesetz bedingt. Bleibt die Unfreiheit für die Masse der Grossrussen bestehen, so kann die autokratische Regierung gar nicht anders, als die Nichtrussen noch stärker zu bedrücken, als die ihr am nächsten stehenden Untertanen; sie muss diese stärkere Bedrückung aller, die nicht Grossrussen sind, eintreten lassen aus zweifachem Grund. Die sogenannten fremden Elemente des russischen Reiches sind durch ihre engere Verbindung mit europäischer Kultur intellektuell und wirtschaftlich geeigneter für einen schnelleren Fortschritt, als die Masse der Grossrussen; diese intellektuelle Entwicklung muss gehindert werden, weil sie an und für sich eine Gefahr für die Autokratie wäre und weil sie die Gefahr der Ansteckung für das Grossrussentum in sich birgt. Und der mit dem intellektuellen Fortschritt auf das engste zusammenhängende wirtschaftliche Fortschritt muss auch unterbunden werden, so weit irgend möglich, weil die Regierung auf die sogenannten Fremdvölker national-ökonomisch das Uebergewicht in Russland nicht übergehen lassen kann. Eine bessere Gestaltung der Lebensbedingungen ist bleibend ein Ding der Unmöglichkeit, so lange das jetzige Regime intakt bleibt, das gilt für die Juden, wie für alle anderen Fremdvölker. Vorübergehende kleinere oder grössere Konzessionen in der Not des Augenblickes gewährt, wohl; aber die Sicherheit einer ruhigen, menschenwürdigen Fortentwicklung ist, so lange die Autokratie fortbestehen bleibt, ein Ding der Un-