Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 10 (10.1906)
- Date
- 1906-10-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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der Juden, als deren Vertrauensmann ich mich noch fühle, für den Kandidaten abgegeben werden sollten, dann müssen die Erklärungen klar und unzweideutig laute n." Auf diese nicht misszuverstehende, vom Beifall aller anwesenden jüdischen Wähler begleitete Aeusserung entgegnete Doktor Freisler, er habe seiner diesbezüglichen Erklärung nichts hinzuzufügen, weiter könne er nicht gehen. Niemand könne ihm seine Ueberzeugung rauben und man dürfe von ihm nicht verlangen, dass er dieses oder jenes Versprechen gebe. Die jüdischen Wähler verliessen hierauf den Saal und die Kandidatur Dr. Freislers wurde ohne ihre Stimmen zum Beschlüsse erhoben. Bei aller Ruhe und Kaltblütigkeit, die wir uns bei Betrachtung politischer Ereignisse angewöhnt haben, muss doch gesagt werden, dass der deutsche Wahlausschuss des fünften Wahlkreises mit der Aufstellung des freialldeutschen Antisemiten Dr. Freisler einen Akt bodenlosen Undanks, ja der abscheulichsten Felonie gegenüber den jüdischen Wählern begangen hat. Man könnte ein solches Vorgehen zwar nicht entschuldigen, aber immer noch begreifen, wenn es sich um eine nationale Gefahr handelte. Da jedoch eine solche absolut ausgeschlossen ist, da der Wahlkreis unter allen Umständen deutsch wählen muss — die Frage ist nur, ob er deutschfortschrittlich, deutschvölkisch oder deutschsozialistisch wählen soll — ist es ein Zeichen traurigsten Gesinnungsverfalles, um kein stärkeres Wort zu gebrauchen, wenn dieselben Männer, die für den Reichsrat Dr. Max Menger auf den Schild erhoben haben, für den Landtag einen Partisan K. H. Wolfs aufstellen und den Juden von Ostrau, Neutitschein, Weisskirchen und Prossnitz zumuten, einen Mann zu wählen, der eingestandenermassen der Geldgeber eines der schamlosesten antisemitischen Hetzblätter, des „Deutschen Nordmährerblattes" ist. Unsere Ostrauer Stammesgenossen haben wohl daran gut getan, sich von dieser Gemeinschaft loszusagen und sie können, um für die Zukunft ein warnendes Exempel zu geben, keine bessere Taktik befolgen, als ihre Stimmen dem Gegenkandidaten Dr. Freislers zuzuwenden, nicht weil sie Sozialdemokraten sind, sondern weil der Sozialdemokrat die Gewähr absoluter Vorurteilslosigkeit in konfessionellen Dingen bietet. Sollte aber das Ostrauer Beispiel in anderen Wahlkreisen Nachahmung finden, dann werden die Juden in ganz Mähren ihre Parteistellung darnach revidieren müssen. Es kann uns nur angenehm sein, wenn uns die Herren die Befolgung einer rein jüdischen Interessenpolitik erleichtern. S. F.