Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 8/9 (August/September 1906)
- Date
- 1906-08-01
- Page
- Seite 34 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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34 weiss, was die Zukunft bringt. Auch wir leben auf heissem Boden..... Tosender Beifall bezeugte die Uebereinstimmung des dicht gedrängten Publikums. Als zweiter Redner ergriff Dr. Margulies das Wort. Er spann den Gedanken seines Vorredners weiter und sprach mit flammenden Worten von der nationalen Selbstbefreiung. Es gibt für die russischen Juden nur zwei Wege, und zwar auswandern oder ausharren. Jährlich wandern Hunderttausende aus. Tausende davon sterben an Hungertyphus, weil sie keine Arbeit finden. Amerika ist überfüllt und England sperrt die Häfen. Es bliebe also noch das Zweite übrig — auszuharren. Das aber hiesse gerade so viel, als sich erschlagen lassen, denn die Regierung werde die Juden immer als Blitzableiter benützen. Die einzige Möglichkeit bleibt also die Selbstbefreiung, die bereits auf 7 Kongressen beraten wurde — der Wiederaufbau der Ringmauern Zions. Einer näheren Erklärung dieses Freiheitsgedanken hat es nicht bedurft, denn jeder Jude kennt das Sehnen seines Volkes, jedsr Jude kennt den Hilfeschrei seiner Brüder. Zum Schlüsse ersuchte noch Herr Siegfried Fleischer, der Witwen und Waisen zu ged mken, die, jählings ihres Ernährers beraubt, in grösster Not und Elend schmachten. Durch den tiefen Ernst und den würdevollen Verlauf hatte der Abend ganz das Gepräge einer Trauer-Versammlung angenommen." Z. Marienbad. Am 6. September 1. J. wurde Herr JUDr. Josef Steiner, Advokat in Marienbad, einhellig zum Kultusgemeindevorsteher der israelitischen Kultusgemeinde Marieabad gewählt. Dr. Sfeiner hat sieh bereits seit Jahren in verschiedenen allgemeinen israelitischen Angelegenheiten betätigt. Derselbe gründete die Ortsgruppe Marienbad des galizischen Hilfsvereines, deren Obmann er noch heute ist. Derselbe ist Mitgründer der Ortsgruppe Tachau desselben Vereines, letzterer entstand aus dem Rayon der ersteren Ortsgruppe. Ferner ist er für die Oesterre'tchisch-Israelitisehe Union als deren Anwalt für Marienbad und Umgebung seit vielen Jahren tätig. Endlich hat Dr. Steiner seit Jahren an allen allgemeinen Fragen seiner Glaubensgenossen in Wort und Tat den regsten Anteil genommen. Es ist daher zu erwarten, dass derselbe auch die Leitung der Kultusgemeinde Marienbad, welche als Kurortgemeinde mit ihren Einrichtungen mit den grössten Kultusgemeinden auf gleicher Höhe bleiben muss, zur Zufriedenheit seiner Kultusgemeindemitglieder und des allen Nationen angehörenden Kurpublikums führen werde. Mirlenbad. Erhebende Stunden haben wir hier, wo allgemein die Sorge für das körperliche Wohl vorwiegt, verlebt, erhebende Stunden für Herz und Genrit. Am 12. Juli fand, wenn auch nicht offiziell, in der Synagoge in Verbindung mit dem Abendgebete unter Teilnahme zahlreicher Gäste, auf vielfach geäusserten Wunsch eine Jahrzeitfeier für Theodor Herzl statt. — Mittwoch den 18. Juli, abends halb 8 Uhr, strömten viele Hunderte von- Männern und Frauen in die Synagoge, woselbst die israelitische Kultusgemeinde die Trauerfeier für Bialystok veranstaltete. Den Höhepunkt der Feier bildete die Predigt Sr. Ehrwürden des Rabbiners Dr. Gold berger, dessen folgerichtige, von wunderbaren Bibel- und Talmudstellen durchsetzte Darlegungen bei allen Anwesenden einen unauslöschlichen Eindruck hinterliesen. — Unter die Leitung des Rabbiners Dr. Goldberger hatte sich auch jenes aus Kurgastkreisen gebildete Komitee gestellt, welches für Sonntag den 22. Juli eine grosse öffentliche Versammlung mit der Tagesordnung „Bialystok" in das neuerbaute Etablissement „Sehloss Miramonte" einberief. Schon lange vor der festgesetzten Zeit — halb 4 Uhr nachmittags — war Saal, Veranda und Garten von einem dicht gedräugten, über tausend Köpfe zählenden, internationalen Publikum besetzt. Lautlose Stille trat ein, als Dr. Goldberger die Estrade betrat und die Versammlung eröffnete. Dr. Weisengrün aus Wien erstattete das Hauptreferat, welches, von allgemeiner Aufmerksamkeit begleitet, besonders bei den Hinweisen auf die russische Anleihe, sowie auf die materielle und soziale Judennot stürmische Beifallssalven erntete. Das Referat klang in der Notwendigkeit der zionistischen Lösung aus. Nachdem sich die Versammlung zur Ehrung des Andenkens der Opfer von Bialystok erhoberj,