Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 8/9 (August/September 1906)
- Date
- 1906-08-01
- Page
- Seite 18 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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18 tümer, als der menschlichen Rechtspflege gehört. Calas, der Protestant im bigotten Toulouse, wird beschuldigt, seinen Sohn Antoine gemordet zu haben. Zwei geistliche Bruderschaften, die Franziskaner und die Weissen Büsser, predigten von den Kanzeln, dass Antoine in ihren Orden eintreten wollte, und der Kapitul David verbreitet, es sei eine bekannte Tatsache, dass die Protestanten ihre Kinder aufhenken, wenn diese Katholiken werden wollen. Man ordnet ein feierliches Begräbnis an und stellt auf einen Katafalk ein Totengerippe, das Antoine darstellt, mit dem Palmenzweig des Märtyrers in der Hand. Der Vorsitzende des Gerichtes drängt die Zeugen, auszusagen, dass sie der Ermordung zugesehen hätten: „man habe doch das Geschrei des Ermordeten in der Stadt gehört." Was Wunder, dass viele Zeugen in gutem Glauben bestätigten, was sie nicht gesehen und nicht gehört hatten. Die Entlastungszeugen wurden selbst verdächtigt und als unglaubwürdig befunden. So .wurde der 70jährige Mann zum Tode durch das Rad nach vorheriger Folter verurteilt und das Urteil auch vollzogen. Die Eehabilitation Calas' durch die gewaltige Logik Voltaires ist bekannt. Ein Wiener Schriftsteller, Viktor Stern, hat den Fall Calas vor nicht zu langer Zeit a^s Trauerspiel bearbeitet; in ungelenker Sprache und des kundigen Regisseurs bedürftig, aber mit starkem Feuer und namentlich in den Volksszenen mit packender Anschaulichkeit. Man erhält ein lebendes Bild, wie der Furor in die Volksmasse getragen werden kann, die dann ehrlich, aber desto furchtbarer hasst. Wir haben in Oesterreich einen Fall solcher Art erlebt. H i 1 s n e r ist nicht die Persönlichkeit wie Calas, aber so wie er ein Opfer künstlich erzeugter Volkswut: mit ähnlichen Agitatoren, ähnlichen Zeugen und ähnlichen Organen der Rechtspflege. Die Vorführung des Calas auf der Bühne wäre sehr zeitgemäss. Zionismus und Territorialismus. In der jüngsten Nummer der „Fortnightly Review" finden wir aus der Feder Israel Zangwills eine hochinteressante Abhandlung über die „Ito"-Bestrebungen. Als nämlich der Kolonialminister Lyttleton im September vorigen Jahres das Ostafrika- Territorium dem Bereiche der „Ito"-Pläne entzog, war die Konsternation im Lager der Territorialisten nicht gering und gar Viele der grossen Gemeinden fürchteten nunmehr das endgiltige Scheitern der ganzen „Ito"-Bewegung. Nur Israel Zangwill verzagte nicht. Er richtete an alle bedeutenden Literaten Englands eine Rundfrage über ihre Wohlmeinung bezüglich der „Ito"- Bestrebungen und veröffentlicht nun in den Spalten der „Fortnightly Review" die eingelangten Gutachten, der Zahl nach fünfundzwanzig.