Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 8/9 (August/September 1906)
- Date
- 1906-08-01
- Page
- Seite 17 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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17 Die „Deutschen Stimmen" in Prossnitz schreiben: In letzter Zeit beschäftigt sich die Presse abermals mit dem seinerzeit sensationellen Schuldspruche, welcher sich auf Grund der Zeugenaussage Pesaks, der in einer für das menschliche Auge gewaltigen Entfernung Hilsner erkannt haben will, und auf Grund der Aussagen der unter der Suggestion der bekannten Polnaer Bluthunde gestandenen sonstigen Zeugen vollzog; insbesondere waren es die der christlichsozialen Partei angehörigen Schwer und Schneider, die die Drahtzieher in diesem Prozesse waren. Sowie im Prozesse Dreyfus Zola mit seinem „J'accuse" hervortrat, so hat der berühmte deutsche Rechtslehrer Liszt in einer alle Zweifel ausschliessenden Weise dargetan, dass hier ein Justizirrtum schwerster Art vorliegt, und dringend die Revision verlangt. Allein was in Frankreich, dem Lande der freien Geister, wo eine mächtige republikanische Regierung die schwarzen Brüder niederwarf, möglich war, dass alle Verlogenheiten und Meineide eines Herder, Lauth und wie die Schufte alle hiessen, unbarmherzig aufgedeckt wurden und die Gerechtigkeit ihren Triumph feierte, ist bei uns, dem Reiche, wo Schwarz mehr denn je Trumpf ist, umso schwerer zu erreichen, als die Regierung nicht den Mut zu haben scheint, der christlichsozialen Partei, deren Mithilfe, man kann nicht wissen, wann immer man braucht, die Maske vom Gesicht zu reissen, denn ausser der christlichsozialen Partei, der diese Bluthund-Affaire als notwendiges Requisit dient, glaubt ja ohnehin Niemand an einen Ritualmord und hat auch der Staatsanwalt ausdrücklich die Annahme eines solchen abgewiesen und es erfolgte die Verurteilung auf Grund eines Lustmordes, wie wir selbe unzähligemale erlebt haben. Wenn nun Juristen vom Range eines Liszt unter Zustimmung der Fachpresse und bedeutenden Fachgenossen erklären, dass es im Interesse der Heiligkeit der Rechtsprechung eine Notwendigkeit ist, die Revision des Hilsnerprozesses vorzunehmen, und dies-dentrcrch nicht erfolgt, so kann dies seitens unserer Justizverwaltung nur als eine Konnivenz gegenüber der klerikal-christlichsozialen Partei erscheinen. Selbstverständlich gibt es Leute genug, deren Gewissen sich nicht beruhigen kann, bis nicht Licht in diese mysteriöse Sache kommt, und wir hoffen, dass auch bei uns die Sonne der Vernunft das düstere Gewölk der Volksverdummung zerreissen wird und Tatsachen an das Tageslicht bringen wird, die die Verkommenheit der Polnaer Bluthunde und ihrer christlichsozialen Helfer dartun werden. * * * Der Fall Calas. In einer Sammlung berühmter Kriminalfälle bespricht neuerlich Mendheim den Fall Calas, obwohl er, wie der Verfasser mit Recht bemerkt, mehr in die Geschichte der menschlichen Irr- 2