Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 8/9 (August/September 1906)
- Date
- 1906-08-01
- Page
- Seite 15 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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15 bändigen „Histoire de l'affaire Dreyfus" für den französischen Fall. Der Vortrag des Rechtsanwaltes Dr. Friedrich Elbogen im Wiener „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" steht nicht hinter denen zurück, womit de Pressense das Gewissen des französischen Volkes wachschrie. Obergerichtspräsident Krall hat in diesen Blättern über die Angelegenheit Worte gesagt, die an die gewaltigsten Streitschriften von Trarieux erinnern. Alle diesen grossen Kundgebungen haben jedoch bisher keinen Widerhall geweckt. Sie fallen in eine Todesstille und werden von ihr verschlungen. Warum? Aus Gleichgiltigkeit? Ich weigere mich, an sie zu glauben. Die Erscheinungen der letzten Jahrzehnte rechtfertigen wahrlich keine hohe Einschätzung des Verstandes und der Sittlichkeit der Regierungen und Völker, aber für derartig vertiert kann ich dennoch beide nicht halten, dass ein nachgewiesenes Justiz verbrechen und dessen Opfer sie gänzlich indifferent lassen. Also aus Furcht? Gewiss, die Gewalten, die man in die Schranken fordern muss, um das Urteil von Pisek nach dem von Kuttenberg zu vernichten, sind mächtig und übermächtig und ihr Einfluss, ihr Reichtum an Hilfsmitteln aller Art ist nur geringer als ihre Bedenkenfreiheit. Aber wozu hätte dann Frankreich sein Beispiel gesetzt? Lehrt dieses nicht, dass der Panzer des Klerikalismus nicht undurchdringlich ist? Ist der in seinem Blute daliegende, niedergehauene Lindwurm keine genügende Aufmunterung zur Wiederholung des Abenteuers? Was wagt der Ritter ohne Furcht und Tadel, der es bestehen will? Beschimpfung unflätigster, ruchlosester Art? Wen hat man teuflischer besudelt als Picquart und Zola? Hat es den einen gehindert, mit 52 Jahren Divisionär zu werden, und den anderen, die Ehren der Beisetzung im Pantheon zu erlangen? Verfolgung, Gefängnis, Armut, Lebensgefahr? Picquart hat elf Monate in Gemeinhaft geschmachtet; Zola wurde zugrunde gerichtet, musste ausser Landes flüchten; Labori trägt noch die Kugel des Meuchelmörders im Leibe. Und haben sie nicht trotz alledem gesiegt? Stärker als der französische ist auch der österreichische Antisemitismus nicht. Fehlen in Oesterreich die Männer, die ihm in Frankreich seine Beute entrissen und die Zähne in den Hals geschlagen haben? Ich zweifle nicht daraii, dass der österreichische Antisemitismus und Klerikalismus seine „Gazette de France", „Croix", „Libre Parole", „Eclair", seinen General Mercier und Roget, seinen Richter Deleorgue und Perivier, seinen Staatsanwalt van Cassel, seinen Rechtsanwalt AufTray, seinen Belastungszeugen Cernucky, seinen Bandenführer Guerin hat. Aber Frankreich hat gelehrt, dass sie alle zusammen nicht unbesiegbar sind. In Oesterreich wird, der Kampf leichter sein als in Paris, wo er gleichwol zum Triumph der Wahrheit geführt hat. Denn die