Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 8/9 (August/September 1906)
- Date
- 1906-08-01
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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14 Presse die Führung der Angelegenheit in die Hand, erfindet, lügt, fälscht, hetzt, erregt die Menge, beschimpft und bedroht die Unparteiischen, eröffnet neben der amtlichen Untersuchung eine private, die jene stört und vergewaltigt, übt eine Schreckensherrschaft über Richter, Staatsanwälte und Zeugen aus, organisiert den Tumult auf der Strasse, im Gerichtssaal und im Parlament. Hier wie dort greifen hohe und niedere Geistliche verhüllt und offen in den Gang der Dinge ein, indem sie eine Volksstimmung schaffen und ausseramtlich als allgemeine Leumundszeugen gegen die Moralität des Judentums auftreten. Frankreich hat seine Schreibsachverständigen, Oesterreich seine Gerichtsärzte gehabt. Kurz : Zug um Zug dasselbe Bild. „Und das ist es, was das Gewissen der Menschheit in dieser Affaire aufgeregt und empört hat." In der Affaire Dreyfus. Warum nicht auch in der Affaire Hilsner? Glaubt man, es hat sich in Oesterreich kein Zola gefunden, um zu rufen: „Ich klage an?" Er ist aufgestanden und er hat angeklagt. Er war nicht weltberühmt, wie der Verfasser der „Rougon-Macquarts", seine Stimme hatte nicht den gewalligen Klang von Auferstehungsposaunen, sondern war dünn und schwach, seine Anklage fand keine „Aurore", die sie in hunderttausend Abdrücken verbreitete, und keine Presse beider Welten, um sie über das Erdenrund zu tragen^ sie wurde überhaupt in keiner Zeitung aufgenommen, sondern dürftig in einigen Dutzend Abzügen holographiert und aufs gerathewohl einer Anzahl Personen zugesendet, auf die sie Eindruck machen sollte. Aber der Mann war da, und er hat seine Heldentat getan wie Zola. Es war Dr. Bulowa, ein kleiner armer Arzt in den Weinbergen bei Prag, wie Zola kein Jude, sondern Christ, der, einzig von seinem Gewissen eines wahrheitsliebenden , Ungerechtigkeit hassenden Menschen gedrängt, ganz allein den Kampf mit dem Drachen aufnahm. Drei Jahre lang hat er ihn unerschrocken geführt, er hat dift Wahrheit entdeckt und ausgesprochen, er hat aufgehellt, was die Untersuchung im Dunkel gelassen und die Verhandlung künstlich getrübt, verworren und entstellt hatte. In seinen Flugblättern ist der wirkliche Mörder der Hruza, sind seine Helfershelfer und Gönner mit Namen genannt, die Beweggründe und Umstände der Mordtat überzeugend angegeben, die Beweise aller Behauptungen sorgfältig angeführt, das Material ist bereit und wartet nur darauf, dass eine zuständige Stelle es prüft. Dr. Bulowa aber hat in' dem herorischen Feldzuge seine geringe Habe, seine Praxis, seine Gesundheit und schliesslich sein Leben eingebüsst. Er ist nicht der einzige Streiter für Wahrheit und Recht geblieben. Auch die anderen Helden der Dreyfus-Affaire haben ihr Gegenstück in der Hilsner-Affaire. Dr. Arthur Nussbaum hat in seinem Buche „Der Polnaer Ritualmordprozess" für diesen getan, was Josef Reinach in seiner monumentalen, bis jetzt fünf-