Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 8/9 (August/September 1906)
- Date
- 1906-08-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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12 beherzigen und in Tat umzusetzen. Wie, sieht er denn nicht, dass er sich selbst als den Franzosen an Gerechtigkeits- und Pflichtgefühl, an Menschlichkeit, sittlicher Vornehmheit, Selbstlosigkeit und Energie weit untergeordnet einbekennt, wenn er nicht mindestens den Versuch macht, in ihre Fusstapfen zu treten? Ich weiss wohl: die Opfer der beiden Justiz verbrechen sind nicht zu vergleichen. Hilsner ist kein glänzender Generalstabsoffizier von hoher Bildung, makelloser Vergangenheit und musterhaftem Familienleben, er ist ein halb blödsinniger, übelbeleumundeter Bettler und Landstreicher. Den härtesten Teil seiner Heimsuchung, die Ermordung seiner Ehre, fühlt er wahrscheinlich nicht. Er schreibt aus seinem Elend keine herzzerreissenden Briefe, sondern erleidet es dumpf und lautlos wie ein Arbeitstier im Joch. Er hat keine Frau und Kinder, deren Atridengeschick das Grauen und Mitleid der Menschen immer rege hält. Auch ist ein österreichisches Zuchthaus nicht die Teufelsinsel und die österreichische Strafverwaltung hat wohl niemals, selbst nicht in der Aera Windischgrätz und Haynau , selbst nicht zur Zeit des von Sylvio Pellico melodramatisierten Spielbergs, ein Ungeheuer wie den scheusslichen Andre Lebon mit dem doppelten Fusseisen gekannt. Aber wenn Hilsner persönlich weniger interessant ist als Dreyfus, ein Unschuldiger ist er dennoch wie dieser und in beiden Fällen sind es dieselben Gewalten, die zu wesensverwandten Zwecken und mit annähernd denselben Methoden die Gerechtigkeit vom geraden Weg abgedrängt haben. Maitre Mornard, kein Leisetreter wie der allzu berühmte Herr Demange, hat in seiner Eede vor dem höchsten Gericht unbedenklich den Punkt auf das i gesetzt. „Es ist heute", sagte er, „nicht mehr möglich, zu leugnen, dass der Antisemitismus die erste Ursache, allerdings nicht der Anklage, aber der Irreleitung der Straf Untersuchung gewesen ist. Der Gerichtshof weiss, dass in gewissen ausländischen Heeren, namentlich in Deutschland, die Israeliten zu den hohen Rängen nicht zugelassen werden." (Wackerer Mornard! Sie werden in Deutschland nicht einmal zu dem Eang eines Unteroffiziers zugelassen, den ich bei aller Militärfrömmigkeit noch nicht als hoch anerkennen kann.) „Theoretisch ist dem in Frankreich nicht so, wo ein derartiger Grundsatz, als der Erklärung der Menschenrechte zu sehr entgegengesetzt, keine Statt finden kann. Aber das Ideal des hohen Militärpersonals war lange, und ist es wohl auch noch heute, in unserem französischen Heer, nach dieser Richtung dieselben Gepflogenheiten einzuführen wie im deutschen. An der Schwelle der Dreyfus-Affaire findet man Kundgebungen dieses Ideals. Einer der Prüfer der Kriegsakademie, General de Bonnefond, erklärt offen, so natürlich scheinen seine Gefühle in diesen Kreisen: „Ich will keinen Juden im Generalstab. Ich werde ihnen eine schlechte allgemeine Note geben ..." Im Kriegsministerium wütet der Antisemitismus wie