Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 8/9 (August/September 1906)
- Date
- 1906-08-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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8 Daran sieht man, wie es hergeht, wo man dem altisraelitischen Geiste keinen Einfjuss gelassen, wie dort der Unmenschlichkeit Raum geblieben. Wir gestehen, dass keusche und sittliche Scham, umfassende Herzensmilde und weitgreifendes Wohlwollen, im Israelitenvolke nicht mehr so allgemein und in dem Grade herrschend sind, als zur Zeit, wo unsere Weisen in ihnen ureigene Stammestugenden des Israeiitenvolkes erblickt haben, und geben auch zu, dass sie heutzutage nicht mehr etwas spezifisch Jüdisches darstellen könnten, weil sie auch bei unseren andersgläubigen Mitmenschen sehr häufig in einem recht imponierenden Masse anzutreffen sind. Trotzdem ist das, was von diesen alten jüdischen Tugenden noch in unserem Stamme fortlebt, für uns sehr trostreich; es ist ja unter Umständen und Verhältnissen erhalten geblieben, unter denen jedes andere Volk von Sittenfäulnis zersetzt, stumpf, sinnlich und edler Eegungen unfähig geworden wäre und eröffnet uns Aussichten in eine bessere Zukunft, Leopold Mandl. Zur Revision des Polnaer Prozesses. Die Oeffentlichkeit wurde dieser Tage durch eine halbamtliche Mitteilung betreffend die Revision des Polnaer Prozesses überrascht. Das offiziöse „Prager Abendblatt" schreibt: „Mehrere Blätter brachten kürzlich die Notiz, dass der Frauenmörder Dittrich, der in Triest verhaftet und den reiehsdeutschen Gerichten eingeliefert wurde, eingestanden hat, in Böhmen fünf Frauen ermordet zu haben, und forderten, mit der Möglichkeit rechnend, dass Dittrich auch die Morde in Polna verübt habe, die Revision des Strafverfahrens wider L. Hilsner. Von kompetenter Seite wird nunmehr mitgeteilt, dass die eben betonte Möglichkeit vollkommen ausgeschlossen ist, nachdem sich Dittrich in der kritischen Zeit der Morde an Marie Klima und Agnes Hruza in Straf-, respektive Untersuchungshaft in der sächsischen Strafanstalt Waldheim, respektive dem königlichen Landgerichte in Dresden befunden hat." Das hier mitgeteilte Alibi Dittrichs war uns bereits vorher bekannt und obwohl wir nichts versäumt haben, um die Aufmerksamkeit der deutschen Strafjustiz auch auf die Möglichkeit einer Beteiligung Dittrichs an dem Polnaer Morde zu lenken, standen wir doch der Annahme, dass man in Dittrich den Mörder der Agnes Hruza und Marie Klima vor sich habe, sehr skeptisch gegenüber. Allein das Kommunique de's „Prager Abendblatt" fordert doch nach anderer Richtung zu einer Kritik heraus. Seine Fassung erweckt den Anschein, als ob für die Notwendigkeit einer Revision des Strafverfahrens gegen Leopold Hilsner lediglich das Geständnis