Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 8/9 (August/September 1906)
- Date
- 1906-08-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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7 Da sieht man, dass die geschulte Phantasie des alten jüdischen Kulturvolkes noch immer auf Erden kein überflüssiges Ding ist. Die europäischen Staatsmänner haben uns leider gar manch bitteres „Warum" offen gelassen; doch wozu Fragen aufwerfen, auf die es nur die einzig richtige Antwort gibt: „Der Teufel weiss warum." Mit dem werktätigen Wohlwollen verhält es sich bei den Israeliten wie mit den Gefühlen, dem es entspringt, daher vornehmlich wie mit dem Mitleid. Es ist unleugbar, dass es auch hier hartgesottene Egoisten gibt, denen Not und Elend anderer gleichgiltig sind, und ebenso nicht an Genussmenschen fehlt, deren Gefühlsvermögen ganz abgestumpft ist. Die werden indess, vom Standpunkte der allgemeinen jüdischen Erziehung, als missraten betrachtet. In ihr leiten ja Lehre und Beispiel zur Mitleidigkeit und zur Menschenachtung an, zu Regungen, die zum Wohltun, zur Gefälligkeit und zur Pietät führen. Ob und wo und in wieferne es solcher Missratener in unserem Lager weniger gibt als in der Umgebung, lassen wir unentschieden; es kommt ja immerhin in Betracht, dass drüben die Verhältnisse für eine gesunde moralische Erziehung weit günstiger liegen als hüben. Staunen muss man nur, dass obgleich eine aus einer Spielart des Judentums hervorgegangene Religion der Liebe tonangebend ist und drüben, wie auf manch anderen Gebieten, auch auf dem Gebiete der Erziehung sehr achtenswerte Erfolge aufweist, die Wertschätzung des Menschenwesens auf manchen Gebieten nur wenig oder gar nicht Wurzel fassen will. Einen merkwürdigen Einblick gewährt folgendes Beispiel: Unsere andersgläubigen Mitmenschen bestatten ihre Toten unter mehr oder minder eindrucksvollen Aeusserungen der Pietät. Den Hinterbliebenen ist um ihre Lieben, die sie unter ergreifenden Gebeten und weihevollen Zeremonien und heissen Tränen in die Erde betten, gewiss bitterlich wehe. Trotzdem duldet man fast überall, dass die Knochen der unter Sang und Klang zur ewigen Ruhe Bestatteten schon nach wenigen Jahren aus der Erde geschaufelt werden, damit wieder für andere Verstorbene, zu einer solchen Art von ewiger Ruhe, Platz werde. Auf dem Lande kommt es sehr oft vor, dass Eltern die Knochen der Kinder und Kinder die halb vermoderten Reste ihrer Eltern zu sehen bekommen, und gerade die Aermsten, die im Erdenwallen keine Ruhe gefunden, haben in den Gräbern die kürzeste Ruhe. Wo bleiben da auch nur die primitivsten Begriffe von Pietät?! Wenn man schon mit dem Boden so geizt, sollten Schachtgräber angelegt oder Aufschüttungen gemacht werden, so dass die Särge übereinander zu liegen kämen.