Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 8/9 (August/September 1906)
- Date
- 1906-08-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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5 Die moralische Scham entspringt in der Tat Hemmungsgefühlen, die den niedrigen Regungen der gemeinen Triebe widerstreben. Sie fehlt nur dort, wo es an bezüglichen, ethischen Vorstellungen mangelt oder wo solche durch entgegengesetzte bereits um jeden Einfluss gebracht worden sind. Das lautere Schamgefühl bewirkt wenigstens, dass der Mensch, wenn er schon fehlt, noch nicht der Sünde Knecht ist und einer Reue und Besserung fähig bleibt. Will man, dass es nicht erblasse und sich bei herannahender Versuchung rechtzeitig einfinde, muss man die es fördernden Vorstellungen stets rege zu erhalten suchen, und dem kommt eben eine gesunde Phantasie, ein kräftiges Vorstellungsvermögen der zu leitenden Menschen sehr zugute Mit phantasiearmen Individuen ist diesbezüglich kaum was zu beginnen, denen fehlt der Hebel, der die Gefühlsnerven in Schwingungen versetzen könnte. Im jüdischen Volke, wo es an solchen fast ganz gefehlt und man viele Jahrhunderte hindurch lebhaft beflissen gewesen, den ethischen Grundsätzen der Gotteslehre Eingang zu verschaffen und die heidnische Frivolität auszutilgen, ist infolge dessen unverschämte Sündhaftigkeit so widerwärtig, fremdartig und mit dem Volkscharakter unvereinbar erschienen, dass das Vorkommen einer solchen die Herkunft des Individuunis verdächtig gemacht hat. Die Rabbinen hatten indess nur das unter dem Einflüsse seiner eigenen Religion stehende Israel im Auge, während der Herrschaft des Heidentums hat es;sich damit anders verhalten. Jesaia sagt von seinen gesunkenen Zeitgenossen: „Ihr Gesichtsausdruck zeugt wider sie und sie äussern ihre Sünde wie Sodom, verhehlen nicht." (Kapitel 3, 9.) Aehnlich klagt der Prophet Jeremias : „Schämen sollten sie sich, denn sie haben Abscheulichkeit verübt, doch sie schämen sich nicht, kennen auch nicht das Erröten." (Kap. 6, 15.) So weit war es vor dem babylonischen Exil durch die schamlosen Gegenkulte in weiten Kreisen gekommen. Das Schamgefühl lässt sich eben wie jede andere edle Eigentümlichkeit der Menschenseele ertöten. Angeborene Tugenden gibt es eigentlich so wenig wie angeborne Laster, es vermag nur die Erziehung die in grösserem oder geringerem Grade vorhandene Empfänglichkeit für die einen wie für die anderen zu entwickeln oder zu unterdrücken. Fragt man, wie es heutzutage mit dem Vorhandensein und mit der Bekundung des Schamgefühles steht, ist die richtige Antwort: Annähernd so verschieden wie zwischen den Völkern und Menschenklassen, in deren Mitte sie leben, doch den Nullgrad haben sie in Hinsicht der keuschen oder anderweitig sittlichen Scham noch nirgends erreicht. Man fühlt sich noch überall in allen grösseren Kreisen von unflätiger Rede angewidert und schämt sich der Unverschämten und Schamlosen. Hier nur ein Beispiel : Es gibt