Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 6/7 (Juni/Juli 1906)
- Date
- 1906-06-01
- Page
- Seite 35 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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35 zum Vortritt bestimmt werden könnten, Hess er sieh zu den Worten hinreissen : „Wir schliessen doch hier keine Geschäfte miteinander ab!" Jetzt, angesichts dieser Schmach, erklärten sich die „Kult"-Geistlichen solidarisch und einigten sich über einen Kollektivprotest an die kaiserliehe Kabinettskanzlei. Samstag um halb 2 Uhr Mittags, also fast in letzter Stunde, ging an die kaiserliche Kabinettskanzlei in Wien ein Protest vom Presbyterium der evangelischen Gemeinde, vom Vorstand der altkatholischen Gemeinde, vom Vorstand der Brudergemeinde und vom Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde ab. Und siehe da! Als sich Sonntag früh die Geladenen zum Empfang in der Turnhalle versammelten, wurden die „Kultusvertreter" zu der „hochwürdigen Geistlichkeit" hinübergewiesen, da eine Aenderung der Aufstellung verfügt worden sei. Auch wurden sämtliche Religionsvertreter vom Kaiser angesprochen. München. (Antisemitische Polemik.) In Nr. 12 der „Israelitischen Wochenschrift" (Berlin) vom 23. März 1906 war ein von dem Schriftsteller Dr. S. Bernfeld verfasster Artikel „Die Taufe" enthalten, der sich gegen den Uebertritt von Israeliten zum Christentum wandte, so weit derselbe lediglich aus eigennützigen Motiven und nicht etwa aus Ueberzeugung geschieht In der Einleitung des Artikels schreibt Di. Bernfeld: „Jeder Jude, der sich taufen lässt, muss, wenn er sich anders auf seinen Vorteil versteht, gleich nachdem die Taufe an ihm vollzogen ist, einem Verein zur Erhaltung des Judentums unter den Juden beitreten oder einen solchen gründen, wenn er noch nicht vorhanden ist u. s. w." Diese Einleitung, vom Verfasser nur satirisch gemeint, wie aus dem weiteren Text unzweideutig hervorgeht, wurde von dem christlichsozialen Wiener „Deutschen Volksblatt" für vollen Ernst genommen und in diesem Sinne eine Notiz aufgenommen, in der von dem Aufsatz Dr. Bernfelds als einem „gemeinen" und „frechen" und von diesem selbst als einem „Gemeinling" gesprochen wird und die mit den Worten schliesst: „Gut gebrüllt, Itzig!" Das „Bayerische Vaterland" druckte diese Auslassungen des genannten Wiener Blattes ab. Deshalb zog sich der Redakteur des „Vaterland", Otto Schoy, eine Klage des Dr. Bernfeld wegen Beleidigung zu. Redakteur Schoy erklärte sofort, der Artikel des Klägers sei ihm erst jetzt vollständig bekannt geworden, er sei der Meinung gewesen, die Stelle, die das Wiener Blatt abgedruckt, stelle ein abgeschlossenes Ganzes dar. So wie er den Dr. Bernfeldschen Artikel jetzt kenne, könne er nur sagen, dass er mit dessen Tendenz übereinstimme, denn auch er verwerfe einen Glaubenswechsel aus rein eigennützigen Motiven. Angesichts dieser Erklärung empfahl der Vorsitzende eine gütliche Regelung der Angelegenheit und so kam schliesslich ein Vergleich dahin zustande, dass der Beklagte unter Uebernahme sämtlicher Kosten mit Rücksicht auf den ihm jetzt erst bekanntgewordenen Gesamtinhalt des Bernfeldschen Artikels, die von ihm aus dem Wiener „Deutschen Volksblatt" übernommenen beleidigenden Aeusserungen mit dem Ausdruck des Bedauerns zurücknimmt. Der Vergleich wird auf seine Kosten je einmal im „Bayer. Vaterland", der „M. Ztg." und der „Allg. Zeitung des Judentums" publiziert. Berlin. (Juden im Heere.) Ueber eine Reihe von Fällen systematischer Zurücksetzung der Juden im Heere gehen dem Organ des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus detaillierte Mitteilungen aus den Reichslanden zu, die u. E. im Reichstage, der sich zur Zeit gerade mit dem Militäretat beschäftigt, nicht unerwähnt bleiben dürften, da die antisemitische Tendenz hier besonders in die Augen springt: Die Zuschrift lautet: „Das 8. württembergische Infanterie-Regiment 126 zu Strassburg i. E. stand bis März 1905 unter der Führung des Obersten v. Löffler. Dieser Offizier 3*