Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 6/7 (Juni/Juli 1906)
- Date
- 1906-06-01
- Page
- Seite 27 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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27 Ungefähr seitdem das Hebräische aufgehört hat, unsere Umgangssprache zu sein, ist das Seicht- und Zuvielreden unter den Juden überall so häufig, als unter anderen Menschenklassen. Daran ist vor allem unsere vielhundertjährige Leidensgeschichte schuld, die uns nervös gemacht und innerliche Sammlung erschwert; dazu kommt die Beschäftigung mit dem Handel, der oft zu anhaltendem, seichtem Reden zwingt, und schliesslich kommt auch der Umstand in Betracht, dass die Unwissenden im Ghetto der Langeweile nicht selten nur durch Gespräche beizukommen vermochten. Sehr beachtenswert ist, dass bei den israelitischen Hellenisten die leere Zungenfertigkeit schon sehr frühzeitig eingebürgert gewesen. Die Erklärungsgründe dafür sind naheliegend. Eine Ausnahme unter ihnen haben diesbezüglich die Essäer geboten, die Angehörigen einer Sekte, die Handel und Schiffahrt gemieden, weil sie zur Habsucht verleiten. In ihren Gesellschaften sind die Gespräche in einer gewissen Reihenfolge und ohne Lärm geführt worden, und wo ihrer zehn beisammen waren, hat keiner von ihnen zu reden gewagt, bevor er sich dazu Erlaubnis genommen. Leopold Mandl. Zur Auswanderungsfrage der russischen Glaubensgenossen. Die Verhandlungen im deutschen Reichstage über die Ausweisung von Tausenden russischen Auswanderern haben die Aufmerksamkeit der Gesamtheit auf diese unglücklichen Menschen gelenkt, die nichts verbrochen, nichts verschuldet haben, die nur so unglücklich sind, Juden, und zwar russische Juden zu sein. Dass aber Jahre hindurch solche Aus- und Rückweisungen längst schon aus Deutschland stattfinden, davon können wir ein recht trauriges Liedchen singen. Tagtäglich sind russische Auswanderer auf den Bahnhöfen in Bodenbach und Tetschen, die aus Leipzig zurückgewiesen wurden, ohne Mittel die Wohltätigkeit unserer Gemeinde — der israelitischen Kultusgemeinde Bodenbach — in Anspruch nehmen müssen. Vielleicht wird es allgemeines Interesse erwecken, wenn wir einiges aus unseren Tagebüchern hier festhalten, vielleicht werden jüdische Wohltätigkeitsvereine darauf aufmerksam, dass die Unterstützung unserer leider täglich in Anspruch genommenen Wohltätigkeit den eigenen Intentionen entspricht und vielen der ärmsten, unglücklichsten und heimatslosen Glaubensgenossen zugute kommt. Zum ersten Male war es im Jahre 1891, dass ein grosser Trupp russischer Auswanderer am Bodenbacher Bahnhof eintraf und nicht weiter gelassen wurde. Da wurden sie — die Zeiten