Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 6/7 (Juni/Juli 1906)
- Date
- 1906-06-01
- Page
- Seite 25 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9756662-9603423-9603593--1461-9603618- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
25 Diesem Gedanken ist in der Salomonischen Spruchsammlung Ausdruck gegeben, wo es heisst : „Bei vielem Gerede ist Fehlen unvermeidlich und der Verständige hält seine Lippen davon ab. Gemähtem Silber gleicht die Sprache des Gerechten.2)" Sehr beachtenswert sind bezüglich auch folgende Sätze: „Jedes Mühsal bringt Vorteil, Schwatzhaftigkeit nur Nachteil." „Der Kenntnisreiche ist mit seinen Worten zurückhaltend, mit dem Schätzbaren des Geistes der Mann von Einsicht. Auch der schweigsame Tor wird für weise gehalten; wenn er seine Lippen geschlossen hält, gilt er für verständig. Wer da antwortet, bevor er den anderen angehört, dem wird das als Torheit und Schande angerechnet. 3) Aus den letztangeiührten zwei Versen ist ersichtlich, dass man schon frühzeitig, nicht bloss in den Kreisen der Wissenden, sondern auch im Volke, der Plauderhaltigkeit nicht hold war. Der Scheu vor dem Missbrauche der Sprache entstammen auch folgende, in dem Buche des Josua Sohn Siras enthaltene Sprüche : „Wer zu viel spricht, wird gehasst. Der Vernünftige beobachtet fürs Reden die gelegene Zeit, der Tor kann sie nicht erwarten und eilt ihr voraus. Wer viel redet, wird unerträglich viele Worte, viele Lügen häufen. Der Tor hat das Herz im Munde und der Verständige die Sprache im Herzen. Wer die Worte ordnet, bevor er spricht, verhütet unnützes Geschwätz.4) In den späteren Jahrhunderten war man dem Zuvielreden auch nicht freundlicher gesinnt. Rabbi Simon Sohn Gamliels lehrte: „Wer viel spricht, bringt es zur Versündigung." 5) Josua Sohn Levi hatte zum Wahlspruch: „Reden gilt ein Silberstück, Schweigen gilt zwei.6) Nach Ansicht des Rabbi Akiba bedeutet die Schweigsamkeit einen schützenden Zaun der Weisheit." 7) Man hat in talmudischer Zeit hervorgehoben, aass aer Besuch bei Verstorbenen besonders lohnend wird, weil man sich dort schweigsam verhaltenrmuss 8) — und in Folge dessen ernste Gedanken fasst. Von damals rührt ein Sprichwort : „Schweigen steht schon den Weisen schön an, um wie viel mehr geziemt es den Toren." 9) Man hat in der Schweigsamkeit sogar eine ererbte, jüdische Stammeseigentümlichkeit erblickt. Die babylonischen Juden galten als von echt israelitischer Abstammung, weil sie schweigsame L^ute waren, und in Palästina war man im Volke der Ansicht, dass von zwei Streitenden der. welcher sein Mundwerk früher J) Sprüche Kp. 10, 29—20. 3) Sprüche Kp. 14, 23. Kp. 17. 27, 28. Kp. 18, 13. 4) Sirach Kp. 20, 6, 8, 9, 10. Kp. 21, 27. Kp. 32, 21. 5) Sprüche der Väter. Kp. I. 6) Midrasch Raba zum dritten Buche Moses. 7) Sprüche der Väter. Kp. 3. 8) Talmud Berachoth Folio 6. 9) Jeruschalmi Pesachim Folio 86.