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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1906-06-01 · 6/7 (Juni/Juli 1906) · p. Seite 22

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
18 (1906)
Issue
6/7 (Juni/Juli 1906)
Date
1906-06-01
Page
Seite 22 (sequence 22)
Language
German
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22 und Aussagen in den verschiedenen Fällen wiederhole. Die von gewissenlosen Hetzern geleitete Volksphantasie arbeitet mit Vorliebe in der gleichen Richtung und fördert die also durch Suggestion verfälschten Aussagen zutage, denen dann zuweilen auch selbst der Richter Glauben schenkt. Man kann fast mit Bestimmtheit voraussagen, dass auch in künftigen Ritualmordprozessen gewisse typische Zeugenausagen wiederkehren werden, und deshalb ist Nussbaums Studie nach dieser Richtung hin ebenfalls von praktischer Bedeutsamkeit. Der berufenste Sachkenner, Professor v. L i s z t, erklärt in dem Vorwort, das er der Schrift voranschickt, der Verfasser habe „einen Beitrag zur Psychologie der Aussage geliefert, der alle theoretischen Auseinandersetzungen über dieses Thema und alle experimentellen Untersuchungen in den Schatten stellt". Das Ergebnis der Untersuchung für den Fall Hilsner ist, dass es zum mindesten an jeder ausreichenden Unterlage für seine Verurteilung fehlt. Insbesondere ist kein Motiv nachweisbar, da das rituelle offiziell abgelehnt wird. Nussbaum fordert deshalb nachdrücklich eine Wiederaufnahme des Verfahrens. Diese Forderung hat bereits das Signal zu einer erneuten antisemitischen Hetze gegeben, und ein Dutzend Abgeordneter dieser Richtung hat — in Beantwortung eines liberalen Vorstosses — im österreichischen Reichsrate eine Interpellation in jenem Stil der persönlichen Angriffe und haltlosen Verdächtigungen eingebracht, der seit jeher zu den berechtigten Eigentümlichkeiten und Privilegien der Antisemiten aller Länder, insbesondere aber Oesterreichs gehört. Harte Kämpfe werden zweifellos von nöten sein, ehe die Sache des Rechts sich durchgerungen haben wird. Es ist dringend notwendig, dass das öffentliche Bewusstsein auch der ausserösterreichischen Länder lebhaft auf den begangenen Justizirrtum reagiert und seine Beseitigung verlangt. Der Presse fällt hier eine dankbare, hohe Aufgabe zu Hilsner lebt noch. Er hat einen Anspruch darauf, dass sich ein jeder seiner annimmt, der aus dem Buche Nussbaums die Ueberzeugung von seiner Schuldlosigkeit gewinnt." * * * Am 25. Juni hielt Dr. Friedrich Elbogen im Saale des Ingenieur- und Architektenvereines in Wien einen Vortrag über die Affaire Hilsner. Erinnert in der Einleitung seiner Rede an die bekannte Schrift des Berliner Rechtsanwaltes Dr. N u s s b a u m. Das Aufsehen, das jene streng wissenschaftliche Publikation erregt hat, verflüchtigte sich rasch. Die Tagesordnung Oesterreichs habe offenbar keinen Platz für Angelegenheiten des empörten Rechtsgefühls. Professor L i s z t habe von der Nussbaumschen Arbeit gesagt, sie sei keine Tendenzschrift, Dr. Elbogen erklärt, er für seine Person wolle eine Tendenzrede halten, alle Leidenschaften des Rechtssinnes gegen die im Falle Hilsner geschehene Rechts-

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