Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 6/7 (Juni/Juli 1906)
- Date
- 1906-06-01
- Page
- Seite 20 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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20 mehr durch Bettel als durch Arbeit. Hilsner muss beschränkt sein, er hat nicht einmal ordentlich schreiben gelernt, in seiner Verteidigung zeigte er sich gleichgiltig oder ungeschickt, ja töricht. Um den Verdacht des Lustmordes zu widerlegen, hat er behauptet, er sei zum Beischlaf unfähig, obwohl er sexuell normal ist. Es ist schwer begreiflich, wie Hilsner in den Verdacht gekommen ist, die Hruza ermordet zu haben, deren Leiche am 1. April 1899, vormittags zwischen 7 und 8 Uhr, im Jungholz eines Waldes neben dem Weg, der nach Kleinwieznitz führt, aufgefunden worden ist („gegenüber" lag ein abgeschälter Tannenstock, Augenscheinsprotokoll). Die Hruza ist am 29. März, um 6 Uhr abends, diesen Weg gegangen. Da die Leiche auf der linken Seite des Halses eine grosse, tiefe Wunde aufwies, so sprach man alsbald von einem Ritualmord. Der Verdacht lenkte sich auf den Juden Hilsner, der in jener Gegend häufig herumstrich. Sehr merkwürdige Umstände, die den Bruder der Ermordeten betreffen, Hess man auf sich beruhen, weil der Eitualmord alle Gemüter beherrschte. Dr. Westenhoeffer hält es übrigens für wahrscheinlich, dass die Halswunde der Hruza erst nach dem Tode beigebracht worden ist (S. 255), während die Prager Fakultät dies ausschliesst (S. 234). Der Fuhrmann Cink (S. 94 ff.) bezeugte am 24. April, er habe am 29. März, also fast einen Monat zuvor, nach 5 Uhr drei Juden, alle mit Zigaretten im Mund, in der Richtung des Ortes, wo die Leiche gefunden worden ist, eilig gehen sehen. Mehr als vier Monate nach der Tat meldete sich der Landwirt Pesak (S. 99 ff.), er habe am 29. März, um 5 Uhr abends, in unmittelbarer Nähe des Ortes, wo die Leiche lag, einen Menschen gesehen, den er als Hilsner erkannte; dieser habe mit einem Stock gefuchtelt. In einer Vertiefung habe er zwei Männer bemerkt. Hilsner sei zu ihnen gegangen und habe mit ihnen gesprochen. Pesak hat seine Beobachtungen, die er nicht fortgesetzt hat, aus einer Entfernung von 676 Meter gemacht. Der Wiener Ophthalmologe Professor Schnabel hat experimentell festgestellt, „dass es unmöglich sei, einen bekannten Menschen mit freiem Auge auf 676 Meter wiederzuerkennen" (S. 101), und Versuche des Augenarztes Professor Silex in Berlin haben zu dem nämlichen Ergebnis geführt (S. 257). Pesak ist normalsichtig. Das sind die Zeugen, die Hilsner am stärksten belastet haben. Selbst angenommen, die Zeugen, die sich übrigens widersprechen, haben sich nicht geirrt, sie seien nicht das Opfer einer Suggestion, so wäre durch ihr Zeugnis und durch die übrigen Beweismittel die Täterschaft Hilsners nicht erwiesen. Es ist ja nicht einmal ganz sicher, dass die Tat da begangen worden ist, wo die Leiche gefunden worden ist, obwohl es die Prager Fakultät annimmt (S. 234). Dagegen Nussbaum (S. 81 ff).