Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 6/7 (Juni/Juli 1906)
- Date
- 1906-06-01
- Page
- Seite 16 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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16 friedigte. Aber sein Ahnungsvermögen hat ihn nicht getäuscht; seine zunächst ganz belanglosen Beobachtungen gewinnen im Zusammenhang des Prozesses eine überraschende Bedeutung. Stolz erhobenen Hauptes, hellseherischen Auges darf er von der Bühne abtreten; der Mantel der Gottheit hat ihn gestreift. Phantasie, Suggestion, Freude an der Icherhöhung, berückende Zauberinnen seid ihr und behende Verwandlungskünstler; ihr äfft und narrt das Menschenkind mit eurem märchenhaft bunten Gaukelspiel und eurem fahrigen Mummenschanz. Das Edle und das Gemeine in seiner Brust, das Weise und das Läppische in seinem Gehirn rutet ihr lachend auf den Kampfplatz. Aus der harmlosen Butterstulle, die in Zeitungspapier eingeschlagen ist, macht ihr vielleicht ein blutiges Schächtmesser, das die zarte christliche Jungfrau ruhig, sicher, kunstgerecht hinmordet. Den armseligen Trottel erhöht ihr zu der gewichtigen Vertrauensperson, die das schlaue Judentum zu einen lichtscheuen, verderbenschwangeren Verbrechen erkiest. Phantasie, Suggestion, Eitelkeit, wenn man euch hinweglockte aus dem Buche unseres Schicksals, wie dünn, wie gelassen, wie langweilig würde die Geschichte unseres Geschlechtes einherschleichen, wie arm an schreckhaften Taten wütenden Aberwitzes und an herzerfrischenden Husarenritten opfermutigen Hochsinns, wie arm an fröhlich selbstgefälligem Schellengeläut lärmender Torheit und an Glockenklang und Fanfarenton feierlicher, verzückter Begeisterung. Engel des Lichtes seid ihr und Töchter der Hölle, zwiespältig wie alle Tiefen und alle Höhen der Menschennatur. # * * Die „Frankfurter Zeitung" bringt folgenden Artikel aus der Feder des Würzburger Professors Dr. A. M e ndelssohn-Bartholdy: Der Laie, der eine grosse juristische Bibliothek durchwandert, wird immer ein Gefühl der Erleichterung haben, wenn sein Blick beim raschen Hingleiten über die Büchertitel auf den Namen einer cause celebre trifft, auf einen „Fall Dreyfus" oder „Schnäbele", auf den grossen Räuber Kneisel oder den kleinen Grafen Kwilecki. Fiir den Juristen bergen diese berühmten, in mehr oder weniger genauen Berichten jedem einmal zu Gesicht oder zu Ohren gekommenen Fälle ein ernstes Problem und eine Gefahr in sich. Er denkt daran, wieviel an den Urteilen der Laien über Gesetz und Rechtspflege und besonders über den Prozess und seine Handhabung durch die drei oder vier berühmten Fälle des Jahres hervorgerufen ist; er fühlt sich verpflichtet, wenn er es mit seinem Beruf ernst nimmt, vor eiligen Schlüssen aus dem Einzelfall auf die Allgemeinheit zu warnen. Die Darstellung des Polnaer Ritualmordprozesses durch Xussbaum ist gerade unter solchen Gedankengängen sehr lehr-