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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1906-06-01 · 6/7 (Juni/Juli 1906) · p. Seite 15

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
18 (1906)
Issue
6/7 (Juni/Juli 1906)
Date
1906-06-01
Page
Seite 15 (sequence 15)
Language
German
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15 ein anderer Antrieb zur Tat war nicht zu beschaffen. Hilsner wurde zum Tode verurteilt und zu lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt; er befindet sich noch in der Strafanstalt, ein Mann, der keinerlei Sympathien erweckt, aber aller Wahrscheinlichkeit nach das Opfer eines Justizirrtums. Wie heisst nun die seelische Triebkraft, die so manche Männer und Frauen bewog, nach langen Monaten aus dem. Dunkel hervorzutreten, ihr Schweigen zu brechen und im grellen Licht eines Sensationsprozesses mit tötlicher Sicherheit Dinge zu vermelden, die teils physisch oder psychologisch unmöglich, teils untereinander gänzlich unvereinbar waren? Es ist ein kleiner Bursche, der seit grauen Urzeiten in der Menschenbrust kichernd und verwandlungsfroh sein Wesen treibt. Wer sich mit dem Menschen beschäftigt hat, der zur Eiszeit das Mammut jagte, der weiss, dass der Schmuck älter ist als die Kleidung, die Eitelkeit, das Bedürfniss, das Ich in angenehmer Weise von der Umgebung abzuheben, älter ist als die Neigung, die Blosse schamhaft zu verhüllen. Die Sehnsucht, in einem aufsehenerregenden Prozess eine wichtige Bolle zu spielen, setzte die Phantasie in Bewegung und modelte an den Erinnerungsbildern so lange herum, bis sie der Vorstellung entsprachen, die sich das Volk von einem Ritualmord macht. Ein Fläschchen mit Maggis Suppenwürze verwandelt sich da in ein geheimnisvolles Fläschchen mit Christenblut, und ein orthopädischer Turnapparat wird in der überhitzten Phantasie zu einem Gerüst, an dem ein eeschächteter Christenknabe hängt. Vertieft man sich in das Aktenmaterial, welches das Buch liefert, so begreift man, dass der Strafrechtslehrer Franz v. Liszt es für der Mühe wert hielt, ihm ein Geleitwort mit auf den Weg zu geben, das die Schrift als eine Urkunde von einzigartiger Bedeutung für die Kulturgeschichte des ausklingenden 19. Jahrhunderts bezeichnet, als einen Beitrag zur Psychologie der Aussage, der alle theoretischen Auseinandersetzungen und alle experimentellen Untersuchungen in den Schatten stellt. Man kann die Macht der Massensuggestion hier verspüren, man kann mit den Händen greifen, wie aus dem Volksaberglauben heraus die Phantasiebilder emporwachsen, immer festere Gestalt annehmen, anschaulicher werden und zahlreiche kennzeichnende Einzelheiten aufnehmen. Seines Wertes vollbewusst, erhebt sich stets der Mann, den die Ahnung einer unheimlichen Bluttat mit ihren Schauern umwittert hat. Er hat sich arge Unbequemlichkeiten auferlegt, mu Beobachtungen zu machen, die gar kein Interesse für ihn haben konnten. Stundenlang hat er in strömendem Regen ausgeharrt, um zu sehen, ob eine ihm gleichgiltige Person aus einem Wirtshause wieder hervorkomme und wohin sie ihre Schritte lenke. Stundenlang hat er auf dem Bauche liegend durch Ritzen und Spalten im Dunkeln gelugt, gelauert und gelauscht, obschon keinerlei auffällige Erscheinung seine Neugierde reizte oder be-

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