Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 6/7 (Juni/Juli 1906)
- Date
- 1906-06-01
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/9756662-9603423-9603593--1450-9603607- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
14 harmonischen Bilde zu formen. Da nun der Phantasie stets frische Farben zu Gebote stehen, so übertreffen die nachträglichen Korrekturen, die sie vornimmt, an Lebhaftigkeit und an subtiler Ausmalung der Einzelheiten die treuen Erinnerungen, an denen die Aufmerksamkeit nicht immerfort herumbosselt. Musterbeispiele dieser normalen Aussagefälschung liefern alle Sensationsprozesse, welche die Leidenschaften erregen und die Volksphantasie in Schwingungen versetzen, und unter den Sensationsprozessen wiederum vor allem die Ritualmordprozesse, welche die Einbildungskraft mit grauenvollen Bildern von typisch-regelmässigem Gepräge erfüllen. Die Phantasie hat hier sofort eine Reihe von festen Punkten zur Hand, um die herum sie ihre Krystalle niederschlagen kann. Eine aktenmässige Darstellung eines grossen BlutbeschuldTgungsprozesses ist deshalb für den Psychologen stets eine E'undgrube, die ihm reiche Belehrung verspricht. Eine solche Darstellung gibt in gewissenhaft unparteiischer, sorgsam abwägender Weise der Berliner Rechtsanwalt Dr. Arthur Nussbaum in seinem Buche „Der Polnaer Ritualmordprozess" (Berlin, Hayns Erben). Im Brezina-Walde bei Polna, einem katholisch-tschechischen Landstädtchen auf der Hochebene Böhmens an der mährischen Grenze, wurde am Abend des 29. März 1899 eine Häuslerstochter ermordet; am Morgen desselben Tages wurde der arbeitsscheue und geistig beschränkte jüdische Proletarier Hilsner in demselben Walde gesehen. Auf diesen geringfügigen Umstand hin wurde der jüdische Schustergeselle verhaftet; die Volksleidenschaft, die nationale Erbitterung, der antisemitische Parteihass bemächtigten sich der Sache, arbeiteten in Zeitungen, Flugschriften, Parlamentsreden und Plaidoyers ein farbensattes, aufreizendes Gemälde der Tat aus, errichteten eine Nebenregierung, welche die Gerichtsbehörde überwachte und ergänzte, und lieferte der erhitzten Einbildungskraft die regulierende Kraft, um die herum sich die anfangs belanglosen Einzelheiten einer Beobachtung zu einem wuchtigen Belastungsmaterial zusammenschliessen konnten. Die Zeugen, die sich zuerst meldeten, wussten nur geringfügige Umstände beizubringen, aber je mehr Monate verstrichen, umso mehr Leute erinnerten sich plötzlich, dass sie eine Beobachtung von entscheidender Wichtigkeit gemacht hatten. Und bei jeder späteren Zeugenaussage hatte diese Beobachtung immer wieder einen bedeutsamen Zuwachs erhalten, der stets in der Richtung des Ritualmordmotivs verlief. Sicher und bestimmt traten alle diese Zeugen auf, sicher und bestimmt hob der eine die Aussage des andern auf. Die Anklagebehörde war in Verzweiflung, denn das Belastungsmaterial baute sich auf dem Ritualmordmotiv auf; da sie aber amtlich die Blutbeschuldigung nicht zulassen wollte, so brach das Anklagegebäude zusammen, denn ein psychologischer Ersatz,