Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 6/7 (Juni/Juli 1906)
- Date
- 1906-06-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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12 Untersuchungen in den Schatten stellt." In dem vor kurzem erschienenen Werk des Berliner Rechtsanwaltes Dr. Arthur Nussbaum: „Der Polnaer Kitualmordprozess. Eine kriminalpsychologische Untersuchung auf aktenmässiger Grundlage" (Verlag A. W. Hayns Erben, Berlin) ist dieses wissenschaftliche Ergebnis des Falles Hilsner in einer klassischen, für künftige derartige Bearbeitungen vorbildlichen Weise niedergelegt. Eine lobende Besprechung dieses Werkes erübrigt sich angesichts der Tatsache, dass Franz von Liszt ihm das Geleitwort geschrieben hat. Allerdings kommt man bei der Lektüre des Buches bald zu der Ansicht, dass der Verfasser sein Verdienst mit einem Andern teilen muss: Dieser Andere ist die — Stenographie. Ohne die weise österreichische Einrichtung der amtlichen stenographischen Protokolle wäre eine Bearbeitung wie die vorliegende unmöglich gewesen. Das Stenogramm hat die sonst so schnell verhallenden Details eines Sensationsprozesses, die Hunderte von Finessen in den Plaidoyers, den Worten des Vorsitzenden und vor allem in den Zeugenaussagen in ihrer ganzen köstlichen Frische der staunenden Nachwelt überliefert. Eine wahre Fundgrube für den Psychologen tut sich hier auf. Da sehen wir den Zeugen Cink, der den Angeklagten mit seinen beiden legendarischen Begleitern nach dem Tatorte laufen sah, dem die Gabe verliehen ist, Personen „stark von hinten zu kennen", und der vermöge einer fabelhaften Zunahme seines Gedächtnisses in jedem Stadium des Prozesses mehr weiss als im vorhergehenden. Wir sahen den Zeugen Lang, der sich anderthalb Jahre nach der Mordtat als Zeuge meldet, der die in allen Ritualmordprozessen wiederkehrenden selbstverräterischen Redensarten der Juden mit angehört hat, wobei die Juden in ihrer Rücksichtnahme auf den Zeugen so weit gingen, ausnahmsweise tschechisch statt deutsch zu sprechen. Wir sehen die Zeugin Brog, der zuliebe die Juden ihre Geheimnisse so laut herausbrüllen, dass sie sie hinter verschlossenen Fenstern versteht. Wir sehen endlich den Hauptzeugen Pesak, der volle vier Monate nach dem Mord die Tatsache still mit sich herumträgt, dass er vermöge einer ans Wunderbare grenzenden Sehkraft den Mörder auf 700 Meter Entfernung am Tatort beobachtet hatte. Wir bewundern die Aehnlichkeit der Zeugenaussagen im Hilsnerprozess mit denen in anderen Ritualmord- und Sensationsprozessen. Ueberall finden wir die Zeugen, die nachts durch eine Ritze die schrecklichsten Beobachtungen gemacht, Selbstbezichtigungen mit angehört oder den Mord selbst mit angesehen haben. Ueberall nfiden wir die bemerkenswerteste Naivität in den Aussagen, die vom Standpunkt der psychologischen und kriminalistischen Erfahrung aus jeder Wahrscheinlichkeit ermangeln oder geradezu physisch unmöglich sind. Ueberall finden wir das charakteristische Symptom der Ahnungen, kraft deren schon beim Anblick eines ganz alltäglichen Vorganges die fürchterlichsten Ereignisse vor-