Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 6/7 (Juni/Juli 1906)
- Date
- 1906-06-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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9 das Opfer einer nichtswürdigen Tntrugie und unerhörter Fälschungen geworden ist, auf Antrag des Generalprokurators einen sofortigen und vollständigen Freispruch gefällt, und Ministerium und Kammer haben nicht gezögert, daraus die äussersten Konsequenzen zu ziehen: Dreyfus wurde mit dem .Range eines Majors zum Eskadronschef in der Atillerie, Oberstleutnant Picquart zum Brigadegeneral — beide mit der Anwartschaft auf den Orden der Ehrenlegion — ernannt. Ueberdies beschloss das Parlament, dass die Gebeine Emile Zolas, des heldenmütigen Vorkämpfers der Wahrheit, im Pantheon beigesetzt werden sollen. Die französische Dreyfus-Affaire ist zu Ende — die österreichische harrt noch ihrer Lösung. Der Justizmord an Dreyfus ist gesühnt, der Justizmord von Kuttenberg und Pisek aber beschwert noch das öffentliche Gewissen. So wenig die Personen Dreyfus' und Hilsner's in eine Parallele zu stellen sind, so sehr hatte doch der Staatsanwalt von Kuttenberg Recht, wenn er — freilich in einem ganz anderen Sinne — die Polnaer Affaire als die „österreichische Dreyfus-Affaire" bezeichnete. Die eine wie die andere bot dem Klerikalismus einen mächtigen Antrieb für den Judenhass, für die Verbreitung des Antisemitismus dar. Heute sind auch in der Polnaer Affaire die geheimen Machenschaften und Umtriebe aufgedeckt, welche zur Verurteilung Hilsners führten. Die öffentliche Meinung Europas beginnt sich, wie die nachfolgenden Blätterstimmen bekunden, in immer intensiverer Weise mit diesem ungeheuerlichen Prozesse zu befassen — nur unsere Justizverwaltung bleibt noch taub. Aber die Wahrheit ist auch hier auf dem Marsche, und ihre dröhnende Stimme wird endlich auch dorthin dringen, wo man heute noch um des formalen Rechtes willen von der Gutmachung eines schreienden materiellen Unrechtes nichts hören will. * ¥ i.k^'V: * Die europäische Presse über den Polnaer Ritualmcrd-Prozess. In der Berliner „N a t i o n a 1 z e i t u n g" schreibt Rechtsanwalt Dr. Martin Isaac über den Hilsnerprozess: Die beiden grossen Justizsünden des verflossenen Jahrhunderts, der Dreyfusprozess und der Hilsnerprozess, haben das gemeinsam, dass ihre Bedeutung erst nach Jahren zum öffentlichen Bewusstsein gelangt ist. So wenig Beachtung die erste Verurteilung des französischen Hauptmannes bei den Zeitungslesern von 1894 gefunden hatte, so wenig interessierten sich weitere Kreise, wenigstens ausserhalb Oesterreichs, für das Schicksal des jüdischen Schustergesellen Leopold Hilsner, der im Jahre 1899 vom Schwurgericht in Kuttenberg für schuldig befunden wurde, die zu Ostern bei dem böhmischen Orte Polna mit einer Schnittwunde am Halse tot aufgefundene Agnes Hruza ermordet zu haben. Allerdings währte der Hilsnerprozess erheblich länger als der