Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 6/7 (Juni/Juli 1906)
- Date
- 1906-06-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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8 Aus der Rede des Abgeordneten Dr. Straucher. In der Sitzung der österreichischen Delegation vom 21. Juni hielt Delegierter Dr. Straucher eine Rede über die Lage der rumänischen Juden und über die Metzeleien in Bialystock, der wir folgende Stellen entnehmen: „Die Judenmetzeleien, die Massenabschlachtungen, die Plünderungen, die Brandlegungen und alle sonstigen Greueltaten, die seit den Tagen von Kisehinew, in Kiew, Odessa und in den letzten Tagen in Bialystok sich abgespielt haben, haben das Mitleid aller Menschen geweckt. Es ist eine Schande für das Jahrhundert, für die Kultur, für das humanitäre Zeitalter und für die modernen gesitteten Staaten, wenn derartige Zustände ruhig hingenommen werden. Aber im ganzen gesitteten Europa und auch in Oesterreich, welches den Berliner Vertrag doch mitunterschrieben hat und Anspruch darauf erhebt, ein Verfassungs- und Kulturstaat zu sein, erhebt sich keine Stimme dagegen. Diese Massakres waren planmässig angelegt und v n der Bureaukratie und Polizei auf das intensivste unterstützt. Eine Intervention zugunsten der russischen Juden seitens einer europäischen Macht oder seitens Oesterreichs sei weder zu erhoffen noch zu erwarten. Er richte aber an den Minister des Aeussern das Ersuchen, dass er, wenn in den nächsten Tagen die Haager Friedenskonferenz einberufen und daselbst von hervorragender Seite ein Antrag, auch den Juden in Europa Frieden zuteil werden zu lassen, gestellt werde, diesem Antrage nicht entgegentrete, sondern demselben auch im Namen Oesterreichs seine Unterstützung leihe." Redner kommt auf die Kotierung der russischen Anleihe an der Wiener Börse zu sprechen und weist darauf hin, dass der österreichische Finanzminister gegen die Zulassung der Kote Bedenken getragen habe, infolge Beeinflussung durch das Ministerium des Aeussern sich aber für die Zulassung entschieden haben soll. L e i d er habe die Folgezeit denjenigen Recht gegeben, die vor dieser Staatsanleihe warnten. Es sei eine unerhörte Ausbeutung der österreichischen kleinen Leute, die man zur Beteiligung an dieser Anleihe verleitete, durch die der russischen Despotie die Mittel in di^ Hand gegeben wurden, das Volk weiter zu bedrücken, ihm seine Rechte vorzuenthalten und Massenmord zu betreiben. Es muss ein solches Vorgehen geradezu als Gewissenlosigkeit bezeichnet werden. Wenn Redner einen Vorwurf gegen die Regierung erhebe, so sei es der, dass mau irgend ' jemanden und insbesondere auch die Bankjuden zur Beteiligung an dieser Anleihe vei leitete, da man das Ganze dann gegen die gesamte Judenschaft ausnützte« Wir schenken Ihnen, sagt Redner, diese Bankjuden, die von der Regierung beeinflusst werden, bei der Aufnahme derartiger Sehandanleihen mitzuwirken. Dr. Straueher lenkt die Aufmerksamkeit des Ministers des Aeussern auf das Judenmassakre in Bialystok und fordert ihn auf, nicht so ruhig und kaltblütig alle Ereignisse über sich ergehen zu lassen. Redner wisse wohl, dass hier auch stundenlange Reden nichts nützen werden. Aber er rufe im Namen der ewigen Gerechtigkeit den Minister des Aeussern auf, er möge sich der geplagten, gequälten, verfolgten und so entsetzlich hingeschlachteten Opfer annehmen. Zwei Justizmorde. Nach dreizehnjährigem, die ganze Welt aufwühlenden Kampfe hat Kapitän Alfred Dreyfus seine Ehre wiedererlangt, sind seine Verleumder als Fälscher und Lügner gebrandmarkt worden. Die vereinigten Senate des Kassationshofes haben auf Grund der vorliegenden, überwältigenden Beweise, dass Dreyfus