Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 5 (5.1906)
- Date
- 1906-05-01
- Page
- Seite 39 (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
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39 tigkeit um Rettung, allein seine Jammerrufe verhallen im Lärm des politischen Treibens, kein Mensch hört ihn. Der Leiter der Strafanstalt zu Stein ist von der Unschuld des Unglücklichen überzeugt und die Schrift vom Rechtsanwalt Dr. N u s s b a u m in Berlin hat diese Ueberzeugung wissenschaftlich mit aller Schärfe zur höchsten Gewissheit erhoben. Der grösste jetzt lebende Kriminalist Deutschlands Franz von L i s z t hat sich öffentlich zu dieser Rechtsüberzeugung bekannt; das Mitglied des Reichsgerichtes und Staatsgerichtshofes Oberlandesgerichtspräsident Freiherr von Krall sagte in der „Neuen Freien Presse" > „Der Mahnruf ist ergangen, möge er gehört werden!" Ein eisiges Schweigen der obersten Hüter des Gesetzes ist die Antwort. Es ist nicht angenehm, eine Wunde im eigenen Fleisch mit glühendem Eisen auszubrennen. Schon steht indess der Justizmord Hilsner in der breiten Beleuchtung der öffentlichen Meinung des Auslandes, von Deutschland bis nach Belgien mehren sich Stimmen, gerade der angesehensten Pressorgane, welche für die österreichische Strafrechtspflege nicht eben schmeichelhaft klingen. Ueberall im gesitteten Europa schreit das Entsetzen über die krasse Rechtsverletzung auf, der Zorn der Gebildeten über die Tatsache, dass im zwanzigsten Jahrhundert ein Hexenprozess stattfinden durfte, in welchem von Schurken genährte Vorurteile, sorglich gehütete geistige Finsternis der Massen, gewissenlose Verhetzungen mordgieriger Agitatoren Einfluss aut ein Gerichtsurteil nehmen konnten. Dass bei uns ein solches Justizverbrechen verübt worden, ohne dass das Gewissen der Intellektuellen in lichter Empörung aufloderte, ohne dass ein Sturm allgemeiner sittlicher Entrüstung in gemeinsamer Kundgebung sich entlud, zeugt von einem argen, beschämenden Tiefstand des öffentlichen Geistes. Noch beschämender ist das tötliche Schweigen aber, in welches sich die Träger der öffentlichen Verantwortlichkeiten in Oesterreich hüllen angesichts so schwerer und so stürmischer Angriffe. Soll die Opportunität, sollen die Rücksichten auf den politischen Vorteil so stark sein, dass sie das Gefühl für Ehre, die Stimme des Gewissens zu ersticken vermögen? Indem man sich selbst die Ohren zuhält, wiegt man sich in dem Wahn, dass ganz Europa nicht mehr hört. Man bildet sich ein, dass die Wahrheit begraben sei, und vergisst, dass unsere Zeit Zeuge war, wie eine Wahrheit das fest gemauerte Grab, das man ihr sehlau gezimmert, gesprengt hat, um unter den schwersten sozialen und politischen Erschütterungen an das Tageslicht zu treten. Es gibt nur eine Rettung der österreichischen Justiz vor dem vernichtenden Urteil der Geschichte, das ist tätige Reue. Dass unter dem milden Szepter unseres ehrwürdigen Monarchen ein solch krasser Justizmord ungesühnt bleiben soll, das erscheint mir undenkbar.