Mannheim
Compact Memory

Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1906-05-01 · 5 (5.1906) · p. Seite 38

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
18 (1906)
Issue
5 (5.1906)
Date
1906-05-01
Page
Seite 38 (sequence 38)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9756662-9603423-9603544--1425-9603582
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

38 „Der Menschen Taten und Gedanken sind nicht wie Meeres leicht bewegte Wellen." Die Notwendigkeit dieser Forschung entfiel allerdings in Kuttenberg, wenn alles an den Ritualmord glaubte und der Verhandlungsvorsitzende bereits zu Beginn der Verhandlung von der Schuld Hilsners überzeugt war, weil er sonst den Angeklagten nicht schon vor Eröffnung des Beweisverfahrens mit den denkwürdigen, nicht gerade von Unparteilichkeit zeugenden Worten hätte apostrophieren können: „Ob Sie die tötliche Wunde geschlagen haben, wissen wir nicht, aber dass Sie zur Tötung mitgewirkt, ist eine ausgemachte Sache." Es lässt sich leicht die Wirkung einer solchen von autoritativer Seite gemachten, leider von keiner Seite zurückgewiesenen Bemerkung auf die ohnehin von der antisemitischen Pressmeute terrorisierten Geschwornen ermessen. Die Schuldigsprechung Hilsners wegen angeblicher Ermordung der Maria Klima erscheint noch grotesker, da hier nicht einmal die Tatsache eines Mordes, noch weniger dessen Zeitpunkt festgestellt erscheint und Hilsner für den Tag, an dem er diesen ihm zur Last gelegten angeblichen Mord begangen haben soll, einen ziemlich einwandfreien Alibibeweis erbracht hat. Hier fehlen nicht nur Zeugen und Beweise über den Täter, sondern auch für das Faktum selbst. Es fehlt jeder Beweis, dass das gefundene Skelett das der Klima war, umso weniger konnte man eine Schuld des Hilsner an diesem „Morde" beweisen. Man behauptete bloss, man setzte eine Möglichkeit voraus, und was kann man nicht alles als Möglichkeit voraussetzen? Man nahm an, — das gefundene Skelett sei das der Maria Klima gewesen; man nahm an, — Hilsner sei der Mörder, da er nun schon einmal die H r u z ä ermordet haben sollte. Und aus solchen Träumereien und Vermutungen entstand eine Burleske der Justiz, eine Anklage, die der gewesene Oberlandesgerichtspräsident Freiherr von Krall in einem Artikel der „Neuen Freien Presse" nicht etwa als zweifelhaft oder anfechtbar, — sondern als „nicht erklär ba r" bezeichnet. In der Tat, die Untersuchung gegen Hilsner hatte von vornherein so schwache Anhaltspunkte, dass eine Einstellung dieser Untersuchung und eine Haftentlassung Hilsners unmittelbar bevorstand. Die Wendung trat ein, wie es heisst, über besondere Anordnung des damaligen Justizministers Ruber, gegen welchen Ernst Schneider eine infame Interpellation voll versteckter Anklagen und Drohungen wegen eines mysteriösen Falles in der Familie Leon im niederösterreichischen Landtag losgelassen hatte. Da der junge Leon nicht eingesperrt worden, so wurde der blutlechzenden Meute Leopold Hilsner als Opfer ausgeliefert. So schmachtet Hilsner seit Jahren im Kerker zu Stein, sendet herzzerreissende Briefe in die Welt hinaus, beteuert seine Unschuld, fleht im Namen göttlicher und menschlicher Gerech-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.