Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 5 (5.1906)
- Date
- 1906-05-01
- Page
- Seite 35 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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35 den Ritualmord zu sprechen. Nicht weniger als drei Geistliche, nämlich die Patres Kasal, Vleck und Vrba, haben Broschüren im Sinne des Ritualmordes veröffentlicht, was natürlich nicht ohne Billigung der oberen Kirchenbehörde geschehen konnte, und alles dies, während der Prozess Hilsner im Gange war. In allen diesen Broschüren spielt die Geschichte von der angeblichen Ermordung des Knaben Simon von Trient eine Hauptrolle. Die von den Geistlichen inspirierte klerikale Presse sekundierte den Chorführern auf das Nachdrücklichste. Von den strafprozessualen Ungeheuerlichkeiten, welche dem Prozesse Hilsner den eigentümlichen Charakter aufgeprägt und seinen schliesslichen Ausgang herbeigeführt haben, lassen Sie mich schweigen, denn ich bin kein Jurist, Wer das Bild eines förmlichen Hexenprozesses mit allen seinen abstrusen Einzelheiten sich zu Gemüt führen will, der lese das Buch des Berliner Rechtsanwaltes Dr. Nussbaum über den Verlauf des Prozesses Hilsner. Er schildert an der Hand eines unanfechtbaren Materiales, wie der Blutwahn allmählich durch Suggestion einzelne Schichten, dann immer weitere Kreise der Bevölkerung, schliesslich ganze Ländergebiete ergreift, alles in einen Taumel versetzt, welcher das Urteil trübt und das Vermögen, Recht und Unrecht zu unterscheiden, völlig aufhebt; wie inmitten dieser allgemeinen Wahntrunkenheit eine gewissenlose, berechnete Agitation das Prozessverfahren völlig an sich reisst, nicht allein Zeugen und Geschworne, sondern auch die staatlichen Gerichtsfunktionäre in ihren Bann zwingt. Der grosse deutsche Strafrechtslehrer Prof. Dr. von Liszt sagt im Vorwort zu diesem Buche: „Der Verfasser zeigt uns an der Hand der Akten die Macht der Suggestion: wie aus dem Volksabeiglauben heraus die Phantasiebilder in den Zeugenaussagen entstehen, wie sie immer festere Gestalt gewinnen, anschaulicher werden und zahlreichere, kennzeichnende Einzelheiten aufnehmen; wie nach langen Monaten neue Zeugen sich melden und unter ihrem Eide über entscheidende Tatsachen berichten, die sie bis dahin unbegreiflicherweise bei sich behalten haben; wie die Maschen des Netzes immer enger werden, das sich über den Verdächtigen zusammenzieht." Dass an Leopold Hilsner ein Justizmord verübt worden ist, trotzdem ihn das Schwurgericht zu Kuttenberg nach fünftägiger Verhandlung (12.—16. September 1899) sowohl, als das Schwurgericht zu Pisek nach siebzehntägiger Verhandlung am 14. November 1900 und diesmal sogar wegen zweifachen Mordes an Agnes Hruza und Maria Klima, einstimmig zum Tode verurteilt hat, erkennt ohneweiters jeder Laie, der sich in dem Prozess einigermassen orientiert. Die zwiefache Prozessführung hat nur die einzige Tatsache sichergestellt, welche durch die erste Polizeinote schon gemeldet worden war, dass am 1. April 1899, dem Tage vor Ostern, dicht an dem Wege von Polna nach dem Dorfe Klein-Wieznitz die 3*