Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 5 (5.1906)
- Date
- 1906-05-01
- Page
- Seite 24 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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24 scher es ausgeschmückt war, umso glaubwürdiger, wahrscheinlicher erschien es, auf umso grösseren Erfolg durften die interessierten Urheber und Verbreiter rechnen. * * Der Aberglaube, sagte ich, hatte sich mit der Habsucht vermählt, und in dieser Ehe führte sie das Szepter. Jede Judenverfolgung war eine grosse, schlau ausgedachte Finanzoperation, gewinnreich für die verschiedensten Gruppen der christlichen Bevölkerung; zunächst eine Generalschuldentilgung für Adelige und Bürger, welche, in sicherer Voraussicht der kommenden Geschehnisse, den Juden noch hohe Beträge entliehen, um nach dem Judenmord ihrer Schulden ganz oder grösstenteils frei und ledig zu sein. Die unteren Volksschichten erhielten ihren Anteil an der Beute, indem sie über das herrenlos zurückgebliebene Hab und Gut der Verbrannten straflos herfielen. Fand das „Judenbrennen“ auf Grund des „Blutbilbuls“, das heisst einer Christenmordbeschuldigung, statt, so hatte dies besondere Vorteile für den Ort und seine Bewohner. Zu dem Bilde des angeblich von den Juden gemarterten und gemordeten Christenkindes wallfahrtete die bäuerliche Bevölkerung von Nah und Fern, wie zu einem heiligen Gnadenbild; das alljährliche Zuströmen von Fremden brachte Geld in die Stadt, war von geschäftlichem Vorteil für alle Gewerbetreibenden des Ortes und brachte insbesondere der Kirche, deren Mauern das Heiligenbild auf bewahrten, reiche Spenden; der Kirchensprengel erhielt in kurzem eine vielbeneidete Stellung. Nichts ist so geeignet, den Erfindungsgeist zu wecken und anzuspornen, als die Konkurrenz. Was in dem einen Orte mit Erfolg praktiziert worden, warum sollte es anderwärts misslingen? Daher die epidemieartige Natur dieser geistigen und moralischen Seuche, welche mit Sturmeseile von Ort zu Ort flog, überall Mord, Raub und Brand entzündend, die zügellosesten Leidenschaften und niedersten Instinkte entfesselnd. Wagenseil, ein alter, sehr bekannter Schriftsteller und grimmiger Judenfeind, der lange Zeit hier in Wien gelebt, dieser Antisemit Wagenseil führt den Nachweis, dass bei den Vorgängen zu Trient, mit welchen wir uns heute noch zu befassen haben werden, Motive der geschilderten Art wesentlich mitgewirkt haben. * * * Eine systematische Darstellung der Geschichte der Blutlüge oder des Blutbilbuls, wie sie im jüdischen Volksmunde heisst, seit dem Jahre 1236, in welchem sie zum erstenmale erwähnt wird, liegt nicht in meiner Absicht. Allein zwei Kapitel heben sich wegen ihrer eigenen charakteristischen Bedeutung heraus: der Prozess Simon von Trient und der Prozess Leopold U i 1 s n e r. Der Prozess von Trient erlangt durch die Tatsache besonderes Gewicht, dass die Kirche die Verehrung des Knaben