Mannheim
Compact Memory

Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1906-05-01 · 5 (5.1906) · p. Seite 23

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
18 (1906)
Issue
5 (5.1906)
Date
1906-05-01
Page
Seite 23 (sequence 23)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9756662-9603423-9603544--1410-9603567
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

23 gegenüberstellt, meist sie gar nicht kennt, ein Verbrechen der geschilderten Art zu begehen? In diesem Falle tritt es ersichtlich zu Tage, dass man den Juden auf dem Boden spezifisch kirchlicher Auflassungen und Lehren sich gedacht hat, um ihn sodann eines Verbrechens gegen das Christentum zu zeihen. Ein ähnlicher, ganz verwandter Gedankenprozess vollzieht sich auf dem Hintergründe des Blutmärchens, welches nur in einem Gedankenkreise ausreifen konnte, in welchem der Glaube und die Vorstellung heimisch war, dass die ob der Sünden der Menschen erzürnte Gottheit sich durch ein Blutopfer versöhnen lasse. Das Lehrgebäude der Kirche hat zu seinem Fundament das Dogma vom Opfertod Jesu. Infolge des Sündenfalles war die Menschheit verworfen, und es bedurfte eines Opfertodes der edelsten Kreatur, um Gott mit der Menschheit wieder auszusöhnen. Das trübe Bewusstsein des Gefallenseins, der Verschuldung, der Entfernung von Gott, sowie der Notwendigkeit des Opfers und der Versöhnung ist eine elementare Voraussetzung des kirchlichen Dogmas. Die hebräischen Propheten haben mit der ganzen hinreissenden Gewalt, ihrer flammenden Beredsamkeit gegen die Idee des Blutopfers gekämpft, um sie aus dem Herzen des Volkes zu tilgen. Die Kirche hingegen hat die Idee an sich unangetastet gelassen und gerade auf dem Boden dieses Gedankens die Lehre von dem freiwilligen Opfertod, des Gottessohnes, gleichsam einer einmaligen Schuldentilgung zur Versöhnung Gottes mit den Menschen, aufgerichtet. Dem Juden freilich ist das Wort des uralten Propheten Micha tief ins Herz geschrieben: „Hat der Herr Wohlgefallen an Opfern oder soll gar meinen Erstgeborenen ich für meine Sünden geben, meines Leibes Frucht für meiner Seele Schuld? Verkündet ist Dir, o Mensch, was gut ist und was der Herr von Dir fordert, das ist: recht tun, Liebe üben und demütig wandeln vor Deinem Gotte.“ (Kap. 6, Vers 7 und 8.) Innerhalb des kirchlichen Gedankenkreises konnte indes die, sagen wir, phantastische Idee Raum gewinnen, dass der Jude, da ihm die Gnadenmittel der Kirche, vor allem die aus dem Blute des Gottessohnes strömende Sühnekraft versagt bleiben, durch andere Blut-Opfer, etwa durch Abschlachtung eines Christenkindes Gott zu versöhnen sucht. Vom kirchlichen Abendmahl ausgeschlossen,' gemessen die Juden nicht den Leib, trinken sie nicht das Blut Christi; vermutlich behelfen sie sich damit, dass sie Christenblut den Ostermazzen beimengen. So begreifen wir es, dass die Türken, die spanischen Araber,, die Perser und die Berbern niemals gegen irgendwer! den Verdacht eines Ritualmordes hegten und selbst bei den zeitweiligen Ausbrüchen ihres Judenhasses solcher oder ähnlicher Vorwände sich niemals bedienten, während christliche Länder die ausschliessliche Heimat des Blutmärchens bilden, und je bunter, absurder und phantasti-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.