Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 5 (5.1906)
- Date
- 1906-05-01
- Page
- Seite 25 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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25 Simon als eines heiligen Märtyrers ofliziös zulässt und so gewissermassen dem Prozess und seinem Ausgang scheinbar eine kirchliche Sanktion verleiht. Das Urteil gegen Leopold H i 1 s n e r wiederum ist das erste und einzige, von dem gesagt wird, dass es unter Beobachtung aller Formen eines modernen aufgeklärten Strafverfahrens, unter dem Schutz der Justizfunktionäre eines zivilisierten Staates zustande gekommen und dadurch seine besondere Note erhalten habe. Und wie der Prozess Hilsner ein Stück unserer Zeitgeschichte bildet, so hat der Trientiner Prozess bis heute nicht aufgehört, die tiefgreifendsten Wirkungen auszulösen Es ist meiner Ueberzeugung nach die höchste Zeit und eine Pflicht der Ehre und Selbstverteidigung, dass endlich die Akten dieses klassischen Ritualprozesses eine authentische, wissenschaftliche Bearbeitung erfahren. Die Vorgänge in Trient waren in Kürze die folgenden: Im Jahre 1475, am Gründonnerstage (23. März), also kurz vor der für die Juden so oft schon verhängnisvollen Osterzeit, verschwand in Trient das etwa dreijährige Kind Simon des Schuhnickers oder Gerbers Andreas Unverdorben. Es wirkte damals in Trient als Guardian des dortigen Franziskanerklosters Bernardinus von Feltre, der, wie sein Ordensbruder Johannes Capistrano, mit glühendem Hasse gegen die Juden predigte, so -dass ihm Herzog Galeazzo von Mailand das Predigen in seinem Gebiete untersagte und ihm in Florenz der Aufenthalt verboten wurde. Das friedliche Zusammenleben der Christen und Juden in Trient war diesem Mönch ein Dorn im Auge, und im Jahre 1475 benützte er die Fastenpredigten, um gegen die Juden zu hetzen. Als ein solches Auftreten selbst bei einzelnen Christen Aegernis erregte und diese dem Mönch bemerkten, er tue den Juden unrecht, sie seien, wenn sie auch nicht den wahren Glauben hätten, doch gute Menschen, da rief er öffentlich auf der Kanzel aus: „Ach, wüsstet Ihr, welches Unheil diese Euere vermeintlichen Freunde gegen Euch sinnen. Ich sage Euch, dieses Passahfest des Herrn wird nicht vorübergehen, bevor sie Euch einen schlagenden Beweis ihrer Herzensgüte werden geliefert haben." So sprach der geistliche Redner wohlgemerkt vier Wochen vor dem Osterfeste und vor dem verhängnisvollen Verschwinden des Knaben. Kaum wurde dieses Verschwinden ruchbar, als, wie erklärlich, dieser Mönch den Verdacht sofort auf die Juden lenkte. Zur Seite stand ihm ein gewisser Schweizer Johannes oder Zanesus, der Nachbar des reichsten Juden von Trient namens Samuel. Er hatte mit Samuel einen langweiligen Prozess geführt, und das Unglück wollte es, dass er ihn verlor. Nun lenkte er die Nachforschungen sogleich in das Haus seines einstigen Prozessgegners. Zu diesen Hetzern gesellten sich noch einige andere Judenfeinde, sowie die Kinder auf der Gasse, aus deren Munde, wie eine christliche Quelle über den Vorgang sagt, ja oft der heilige