Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 5 (5.1906)
- Date
- 1906-05-01
- Page
- Seite 22 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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gegen den tollen Wahn erhoben; vergebens haben verschiedene Päpste Bullen dagegen erlassen, die Urheber und Verbreiter mit der kirchlichen Exkommunikation bedroht; vergebens gab Papst Gregor X. in der Bulle vom 7. Oktober 1272 seinem Schmerze Ausdruck über die erschreckende Verlotterung, dass christliche Väter ihre eigenen Kinder grausam ermordet haben, um Juden des Verbrechens anzuklagen und so von ihnen Geld zu erpressen. Der Aberglaube, vermählt mit der Habsucht, hat sich stärker erwiesen, als die Autorität der Kirche und als alle Argumente der Logik und der Geschichte. * * 5j- Unternimmt man es aber, den dunkeln Entstehungsgründen der Fabel nachzuspüren, so verdient eine Tatsache vor allem eingehende Würdigung. In den Ländern ausserhalb des Christentums, in dem persischen Reiche, unter der Heirschaft der Khalifen und Osmanen, selbst im Machtbereich der grausamen Berbernstämme, brauchten sich die Juden niemals gegen diese oder ähnliche Anschuldigungen zu verteidigen. Ein schweres Geschick hatten sie auch dort zu ertragen, sie wurden oft von grausamen Verfolgungen heimgesucht. Allein das Märchen des ßitualmordes war diesen Länder durnchaus unbekannt. Die Tatsache, dass die Blutbeschuldigung gegen die Juden noch nie in einem nichtchristlichen Lande autgetaucht ist und immer nur innerhalb einer christlichen Bevölkerung Verbreitung und Gläubige gefunden hat, ist von hoher völkerpsychologischer Bedeutung. Die Empfänglichkeit der unteren Volksschichten christlicher Länder für die giftige Aussaat der Blutlüge, welche oft wie eine geistige Seuche verheerend über die jüdischen Gemeinden dahinraste, und die Immunität nichtchristlicher Volksgruppen speziell gegen derartige Ausstreuungen muss eine psychologische Begründung haben. Es ist eine erweisliche Tatsache, dass die niedere christliche Bevölkerung in ihrer Naivität niemals Anstand nahm, auch dem vermeintlichen Feinde des Christentums eine christlich dogmatische Auffassung zu supponieren, ohne zu bedenken, dass derjenige, welcher ausserhalb der Kirche steht, einer solchen Auffassung vollständig unzugänglich ist. Wir wissen z. B., wie oft blutige Judenverfolgungen ihren äusseren Anlass und Vorwand in einer Anklage hatten, dass Juden eine Hostie misshandelt, verhöhnt, ja sogar, um ihren Christushass zu befriedigen, mit Nadeln durchstochen hätten. Wer ein solches Verbrechen begeht, aus Christenhass die Hostie misshandelt, steht unbedingt auf dem Boden jener dogmatischen Auffassung, welche die Kirche von dem Wesen und von der Bedeutung einer durch den Priester geweihten Hostie lehrt. Welchen Sinn hätte es aber für einen Juden, der natürlich dieser spezifisch kirchlichen Auffassung der Hostie negativ