Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 5 (5.1906)
- Date
- 1906-05-01
- Page
- Seite 19 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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19 Mond und die Gestirne, all das Heer des Himmels, Du verleitet werdest, sie anzubeten und ihnen zu dienen, „ascher cholak Haschern elaukecho aussom lechaul hoammim tachath kol haschomojim", wie sie der Herr, Dein Gott, allen andern Völkern zugewiesen hat. (Vers 19.) Euch aber hat der Herr genommen und herausgeführt aus dem eisernen Schmelzofen Egyptens, ihm zu sein ein Erbteil für ewig." (Vers 20.) Indem so der Gesetzgeber sein Volk ermahnt und auf das Eindringlichste anhält, von der Gottheit keinerlei Bildnis zu fertigen, Himmelskörper, Planeten, nicht anzubeten, weil dies für Israel ein Verderben wäre, versichert er gleichzeitig, dass diese Kultformen von Gott, dem Herrn, selbst anderen Völkern zugewiesen worden „ascher cholak Haschern elaukecho aussom lechaul hoammim." Der Herr, Dein Gott, selbst hat solche Religionsformen für die Völker bestimmt; diese anderen Religionsformen sind somit keine Rebellion gegen Gott, keine Versündigung an der göttlichen Majestät, sie sind vielmehr gottgewollt, von dem Herrn, dem Schöpfer der Welt, planvoll vorbedacht und bestimmt, ebenso wie er Dir befohlen hat, ihn allein im Geiste anzubeten*). Diese Toleranzlehre ist von wesentlich anderer Art als jene, welche z. B. Lessing in der Fabel von den drei Ringen predigt. Die Lessing'sche Toleranz ruht auf dem Untergrunde des Skeptizismus; ihm empfiehlt sich die Duldung, weil im letzten Grunde niemand Beweise dafür hat, welcher Ring der eigentlich echte sei. Die Bibel hingegen verleiht jedem Religionsbekenntnis den Charakter göttlichen Ursprunges und Gewolltseins, damit Israel niemals in Versuchung komme, andere Volksstämme mit Krieg zu überziehen darum, weil sie einen anderen Kultus üben, weil sie Gott unter anderen Formen anbeten, — „denn der Herr, Dein Gott, selbst hat den Völkern jene Formen der Gottesverehrung zugewiesen." Umso tragischer erscheint es, dass das Volk, welches den Gedanken der Toleranz am reinsten erfasst und am höchsten ausgebildet hat, im ganzen Verlauf der Geschichte nicht aufgehört hat, ein Opfer der Intoleranz zu sein. Während der Erziehungsplan des göttlichen Gesetzgebers ihm alle Wege versperrt hat, welche zu den Verirrungen der Religionskriege führen, wurde es später das auserwählte, erkorene Ziel und wehrlose Opfer religiöser Verfolgungen. Dem weitschauenden Blick des biblischen Gesetzgebers genügt indes die trockene, nüchterne Toleranz beiweitem nicht. „Duldung" erscheint ihm ein armselig Almosen und traurig das Los der „Geduldeten" im Kreise der Menschenbrüder. Darum schärft er *) Dass man später an einer solchen Aulfassung des gottgewollten Charakters aller Konfessionen Anstoss nahm und durch allerhand Deutungen den klaren Wortsinn des Bibeltextes dem herrschend gewordenen Dogmatismus anbequemte, ist gewiss nicht auffällig. Vgl. Aboda zara 59a, Megilla 9b. 2*