Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 5 (5.1906)
- Date
- 1906-05-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Schaftsbericht -eröffnet. Als erster Redner ergreift Herr Doktor Friedrich M i n t z das Wort. Redner bezeichnet die Resolution als so selbstverständlich, so dem Gefühle des jüdischen Volkes entsprechend, dass eine nähere Begründung derselben Eulen nach Athen tragen Messe. Mit Erstaunen aber habe er wahrgenommen, dass es dennoch Leute gibt, welche diese Resolution nicht gutheissen. Allerdings sind dies nur einige und diese führen zur Unterstützung ihrer Ansicht an, dass durch den Abschluss der Anleihe Judenmassakres vor den heurigen Ostern verhindert worden seien. Dann müsste ja das Leben der russischen Juden jedes Jahr vor Ostern durch eine neue solche Anleihe erkauft werden. Was an dem Vorgehen des Ritter von Taussig ganz besonders aufregend wirkt, das ist die Schamlosigkeit, mit der er der öffentlichen Meinung direkt ins Gesicht geschlagen hat. Seine Haltung erinnert an jene gewissen Damen, welche fallen und dennoch der öffentlichen Meinung schamlos Trotz bieten. Mit Recht sagt Montesquieu: „Die Heuchelei ist der Tribut, welchen das Laster der Tugend zollen muss." Aber selbst diesen Tribut habe Herr von Taussig der Oeffentlichkeit verweigert. Er habe seine Glaubensgenossen der Verachtung der ganzen Welt preisgegeben. Und wahrhaftig, das jüdische Volk könnte mit Recht von jedermann verdammt werden, wenn seine Grossen, seine Vorsteher, der öffentlichen Moral ungestraft derart ins Gesicht schlagen dürften. Es ist Pflicht und Schuldigkeit der „Union" und jedes einzelnen Menschen, der Sinn für ethisches Empfinden hat, gegen Herrn von Taussig aufzutreten, damit ein solches Beispiel, das uns zum Gespött und Hohn aller übrigen Völker macht, für die Zukunft hintangehalten werde. (Lebhafter Beifall.)' Herr Lucian Brun n e r bemängelt es, dass der Vorstand in der Wahlrechtsfrage keine Versammlung der Mitglieder einberufen habe, ebenso wünscht Herr Brill, dass der Verein öfter, als es bisher geschehen ist, Diskussionsabende über aktuelle politische Tagesfragen veranstalte. Der Vorsitzende sagt die Erfüllung dieser Wünsche zu. Unter allgemeiner Spannung betritt nun der erste Vizepräsident der Kultusgemeinde, Herr Dr. Gustav K o h n, die Tribüne. Redner zollt der aus dem Rechenschaftsberichte ersichtlichen Tätigkeit des Präsidiums und des gesamten Vorstandes der „Union" uneingeschränktes Lob. Umso peinlicher sei ihm die Nötigung, gegen die Resolution des Vorstandes, betreffs die russische Anleihe, öffentlich Stellung zu nehmen, Es kann ja strittig sein, ob das Auftreten des Herrn v. Taussig ein zweckmässiges und nützliches gewesen sei. Es mögen auch darüber die Anschauungen geteilt sein, ob die Stellung des Ritters v. Taussig im Kultus vor stände mit der hier in Frage stehenden Transaktion vereinbar gewesen