Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 5 (5.1906)
- Date
- 1906-05-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9756662-9603423-9603544--1392-9603549- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
5 weises für die Handelsgewerbe. Wir haben gegen die diesbezüglichen Beschlüsse des Permanenz-Gewerbeausschusses in einer am 23. Oktober 1905 stattgefundenen Versammlung, in welcher Herr Dr. Friedrich Hertz das Keferat erstattete, Stellung genommen und nicht nur selbst an Eegierung und Herrenhaus Petitionen um Nichtannahme, resp. Nichtgenehmigung dieser Beschlüsse gerichtet, sondern auch bei einer Reihe hervorragender kommerzieller Korporationen des Reiches solche Petitionen angeregt. Mit Bedauern müssen wir aber konstatieren, dass der Besuch der erwähnten Versammlung seitens der jüdischen Kaufleute trotz eifriger Agitation nicht der Wichtigkeit des in das Erwerbsleben jedes einzelnen tief eingreifenden Gegenstandes entsprach. Wenn solche Flauheit im eigenen Lager platzgreift, dürfen wir uns über die Kühnheit und die Erfolge - unserer Gegner nicht wundern. Auf dem Gebiete des Rechtsschutzes brachte auch das letzte Jahr nur zu reiche Arbeit. Die Ritualmord hetze hat wieder recht artige Blüten gezeitigt. Bevor wir auf dieselben näher eingehen, wollen wir des Aufsehen erregenden Buches gedenken, das der Berliner Rechtsanwalt Dr. Arthur Nussbaum über den „Polnaer Ritualmordprozess" veröffentlicht und zu welchem der berühmte Strafrechtslehrer Geheimer Justizrat Dr. Franz v. L i s z t ein Geleitwort geschrieben hat. Dieses Buch, das mit zwingenden wissenschaftlichen Argumenten den Nachweis erbringt, dass an Leopold Hilsner ein Justizmord begangen wurde, erlegt nicht nur jeden Juden, sondern jeden rechtlich denkenden Menschen die Pflicht auf, an der Aufhellung des rätselhaften Dunkels, das über diesem traurigen Gerichtsdrama waltet, mitzuarbeiten. Die „Oesterreichisch-Israelitische Union" hat niemals aufgehört, diese Pflicht zu üben und sie wird sie auch fernerhin mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln erfüllen. (Lebhafter Beifall.) Wie sehr dies notwendig ist, lehrt ein Vorfall, der sich erst in den letzten Wochen am Drohobyczer Gymnasium ereignete. Dort erklärte der Lehrer der polnischen Sprache, Herr Bieganowski, während des Unterrichtes unter Beschimpfungen der jüdischen Schüler, dass der Ritualmord bei den Juden kein Märchen, sondern nach seiner festen Ueberzeugung eine Tatsache sei. Die verschiedenen Prozesse wie Ritter, Hilsner etc. hätten es zur Genüge bewiesen, allein die Regierungen hätten die Wahrheit vertuscht, um nicht blutige Exzesse gegen die Juden heraufzubeschwören, besonders da die schlauen Juden es verstanden hätten, die Richter sogar der höchsten Instanzen zu bestechen. Im Vereine mit unseren Drohobyczer Glaubensgenossen haben wir unverweilt die disziplinarische Bestrafung dieses pflichtvergessenen Lehrers verlangt und der galizische Landesschulrat hat diesem Verlangen auch ungesäumt durch die strafweise Versetzung Bieganowskis entsprochen.