Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 4 (4.1906)
- Date
- 1906-04-01
- Page
- Seite 23 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9756662-9603423-9603519--1385-9603542- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
23 Braumüller in Wien eine von Herrn Sigmund Husserl, Archivbeamter der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde, nach archivalischen Quellen verfasste Entstehungsgeschichte dieses Baues. Aus aktuellen Gründen machen wir unsere Leser auf die bevorstehende interessante Publikation aufmerksam, die in der Einleitung einen Beitrag zu den sozialen und politischen Verhältnissen, unter welchen die Wiener Judenschaft in der geschilderten Periode lebte, enthalten wird. Eine ausführliche Besprechung behalten wir uns selbstverständlich vor. Meran. (Ehrung.) Das Kuratorium der „Gesellschaft für Sammlung uud Konservierung von Kunst- und historischen Denkmälern des Judentums" in Wien (Präsident: k. k. Baurat W. Stiassny, Vizepräsident: Adolf Ritter v. Sonnenthal) hat in seiner jüngsten Sitzung den Rabbiner Dr. T änz er hier, zum Konservator dieser Gesellschaft zu ernennen beschlossen. Herr Dr. Tänzer als Verfasser der gross angelegten, bereits durch zahlreiche eingehende und sehr belobende Besprechungen im In- und Auslande ausgezeichneten „Geschichte der Juden in Tirol und Vorarlberg" besitzt selbst eine umfangreiche und sehr wertvolle Sammlung von für die Geschichte unserer Alpenländer wertvollen, bis ins 14. Jahrhundert zurückreichenden Manuskripten, und hat für die grosse „Jewish Encyclopedia" in Amerika 18 grössere, Tirol und Vorarlberg betreffende wissenschaftliche Autsätze beigesteuert. Einer derselben mit bis in die Mitte des 14. Jahrhunderts zurückreichenden Daten behandelt in sehr ausführlicher Weise auch Meran. Prag. (Vortrag Ludwig Stein.) Der Z e n t r a 1 v e r e i n zur Pflege jüdischer Angelegenheiten hatte am 1. d. einen Ehrenabend. Dank seiner unausgesetzten Bemühungen fand sich nämlich der berühmte Philosoph der Berner Universität, derzeit Dekan deren philosophischer Fakultät, Professor Dr. L. Stein, in selbstlosester Weise zu Gaste ein, um zu Gunsten der Handwerkerabteilung des Vereines im Kestsaale des Colioredo-Mansfeldischen Palais einen Vortrag über „Das Wesen der Toleranz" zu halten. Von der Anschauung ausgehend, dass es eine absolute Toleranz überhaupt nicht geben könne, da dem begrenzten menschlichen Geiste der alles umfassende Göttergeist, der alles versteht, um alles zu verzeihen, nicht innewohnt, wusste der illustre Vortragende in geschickter rednerischer Wendung in sein eigentliches Thema, die g-egenseitige Tolei ierung zwischen Wissenschaft und Religion, einzulenken. Mit' geradezu bezwingender Logik erbrachte er den Nachweis, dass zumal die neuesten Forschungen so manche Bollwerke des Wissens über den Haufen geworfen uud dass auf die Fragen bezüglich des Innenlebens der Persönlichkeit und des Mensehheitszweckes die Naturwissenschaft keine Antwort geben könne. Der Redner erinnert an die letzte epochemachende Arbeit Ernst Machs, weist darauf hin, wie die für unumstösslich gehaltene Lehre von den Atomen durch die neuesten Entdeckungen, die sich in dieselbe nicht einfügen lassen, erschüttert worden, und gelangt zu dem Resultate, dass es eigentlich nur die mathematischen Wahrheiten sind, das Gebiet des Zählens und Messens, die unabänderlich bleiben; jede Zeit hat ihre eigenen Wahrheiten und deshalb ist eigentlich die Gegenwart, die ihre neuen Erfahrungen in Abwägung der älteren, bereits gewonnenen, weiter baut, wie Profes«or Stein geistvoll sagt, die ältere. Wo aber die Wissenschaft versagt, setzt die Religion ein und an dem Festlande des Wissens soll der Glaube seine Schlacken absetzen, bis er sich von allem Aberglauben befreit. Was sich auf natürlichem Wege nicht erklären lässt, wird immer die unumschränkte Domäne des Glanbens bleiben. - Zwei Religionstypeu ringen nui um die Oberhand, die pessimistische, die nach rückwärts schaut, und unsere isaianische, die vorwärts blickt uud ihr Heil nur in der Zukunft sucht Alle Relligionen sind wahr in dem, was sie gemeinsam haben, und falsch in dem, was sie tienLt. Die Geschichte hat gezeigt,' dass nur die Bekenner jener Glaubenslehren, die im religiösen Optimismus wurzeln, Jabrtausende überdauert haben und so liegt auch in der fortschreitenden Entwicklung in dieser Richtung die Gewähr für