Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 4 (4.1906)
- Date
- 1906-04-01
- Page
- Seite 24 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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24 ihren dauernden Bestand. — Es würde viel zu weit führen, auf alle, geistvollen Einzelheiten auch nur andeutungsweise einzugehen, nur wenige fein geprägte Gedanken seien hier angeführt, wie der Satz „dass die einzelnen Konfessionen die Dialekte des Glaubens sind", dass wir „nicht gefallene Engel, sondern zoologische Parvenüs" sind und dass „für unsere Fortbildung nicht das Plusquam perfectum, sondern das Plusquam futurum" massgebend sein solle. Die volle Entfaltung der Persönlichkeit und die Erziehung zur Pflicht wird der Menscheit den Weg zeigen zum wahren Paradiese, das ihr nicht verloren ist. Der Vortrag, aus dem die blendendsten Aphorismen. Kaketen gleich, empor stiegen, gab dem Redner Gelegenheit, seine profunde Gelehrsamkeit und souveräne Beherrschung aller Wissensgebiete, sowie sein geradezu stupecdes Gedächtnis im strahlendsten Lichte zu zeigen und bot auch durch die einzigartige oratorische Leistung, durch hinreissende Beredsamkeit und die ungewöhnliche Kunst, die mit Meisterschaft behandelte Sprache — nicht nur die deutsche — allen Sprachennuancen Untertan zumachen, einen auserlesenenGenuss. Die distinguierte Zuhörerschaft, welche den eleganten Saal bis auf das letzte Plätzchen füllte, stand denn auch durch anderthalb Stunden im Zauberbanne des Redners und die staunende Bewunderung löste sich zum Schlüsse als Zeichen eines Sensationserfolges in nicht endenwollenden enthuastischen Beifall auf. An den Vortrag schloss sich ein Begrüssungsabend im Hotel Europe zu Ehren des Gastes. Der Vereinsobmannn kaiserl. Bat Falkowics sprach dem hervorragenden Denker und Redner für seine Aufsehen erregende Darbietung sowie die vornehme Art, mit der er sich in den Dienst des humanen Zweckes gestellt, in zündenden, einen Gedanken des Vortrags ungemein geistvoll paraphrasierenden Worten den Dank des Vereines aus. Professor Stein erwiderte sofort in schlagfertiger, humoristischer Weise, worauf Professor Grün sowie Dozent Dr. Herzog mit launigen Worten den Ehrengast feierten und hiebei Gelegenheit nahmen, an das geistige und humane Wirken seines verewigten Vaters zu erinnern. Der Obmannstellvertreter Dr Brandeis brachte einen fein pointierten und formvollendeten Toast auf die Damen aus, Professor Kisch setzte sich vom Standpunkte des Rabbiners mit dem ihm eigenen Takte mit den Anschauungen Professor Steins auseinander und Geschäftsleiter Dr. Weltsch wies auf das tolerante Zusammenwirken der zahlreich anwesenden Universitäts- und Mittelschulprofessoren mit den Vertretern der geistlichen Richtung hin, indem er diesen sowie dem gleichfalls anwesenden Redakteur eines freisinnigen Blattes seinen Trinkspruch widmete. Herr Redakteur Oskar Kuh erwiderte denselben, anknüpfend an die Worte seines Vaters, des unvergesslichen Publizisten.David Kuh, dass alle Ehre von der Treue kommt", mit einem Hoch auf den Zentralverein. Erst spät nach Mitternacht trennten sich die Gäste unter dem nachwirkenden Eindrucke eines selten ereignisvollen Abends. Budapest. (Minister Polonyi über den Antisemitismus. Der neue ungarische Justizminister Polonyi war Gegenstand heftiger Angriffe seitens mehrerer antisemitischer Organe, in denen ihm seine angebliche jüdische Abstammung zum Vorwurfe gemacht wurde. Einem Interviewer gegenüber; äusserte sich Polonyi über diese Angriffe: „Ich war niemals Jude, betone aber, dass ich es keineswegs bedauern würde, wenn ich einer wäre."