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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1906-04-01 · 4 (4.1906) · p. Seite 20

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
18 (1906)
Issue
4 (4.1906)
Date
1906-04-01
Page
Seite 20 (sequence 20)
Language
German
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dem der Mund verstopft und ein Bein gebrochen war! Die Kiste war an einen Rabbiner in Bromberg adressiert. Ein Artillerie-Offizier, durch das eigentümliche Benehmen seines Hundes stutzig gemacht, habe die Oeffnung der Kiste verlangt. Der Stationsvorsteher habe sich zuerst geweigert; aber der Offizier habe erklärt, er werde die Kosten und die eventuellen Folgen tragen. Der Knabe war chloroformiert; er ist von einem Arzte — welchem? — in Behandlung genommen» Was ist hier vorgegangen? und warum schweigt die Presse? Wir fordern mit Ungestüm, dass die Behörden diesem Verbrechen diesmal endlich auf die Spur kommen! Obwohl für uns kein Zweifel darüber bestand, dass es sich bei der ganzen Notiz nur um eine der üblichen antisemitischen Erfindungen zu demagogischen Hetzzwecken handeln konnte, haben wir doch an den zuständigen Stellen in Bromberg und Posen Erkundigungen eingezogen und übereinstimmend die Antwort erhalten, dass hier nur ein grober antisemitischer Schwindel vorliegen kann. Zum Ueberfluss schreibt noch das konservative „Posener Tageblatt" auf Grund von an amtlichen Stellen eingezogenen Erkundigungen, dass „an dem Gerücht auch nicht eine Spur von Wahrheit ist. Es handelt sich lediglich um das Produkt einer überreizten Phantasie/' * * * In Oberschlesien hat die antisemitische „Oberschlesische Zeitung" ebenfalls einen „Eitualmord" entdeckt und dadurch unter der leicht erregbaren Arbeiterbevölkerung eine ungeheure Aufregung verursacht. In Beuthen (Oberschlesien) sind nämlich am 3. d. M. in zwei Säcken die Leichenteile einer männlichen Person gefunden worden. Aus diesem Funde machte nun die „Oberschlesische Zeitung" am selben Tage noch einen Ritualmord und wusste schon, ohne erst den ärztlichen Befund abzuwarten, dass der Körper und die einzelnen Teile blutleer waren, ja, sie wusste auch, trotzdem die Laiche vollständig verstümmelt war, dass es sich bei dem Ermorderten um einen Nichtjuden handelte. Die „Oberschlesische Zeitung" behauptete, dass galizische Heujaden die in zwei Säcken untergebrachten Leichenteile im Heu versteckt und beim letzten Wochenmarkt in Beuthen unbemerkt auf die Strasse geworfen haben. Die von dem Antisemitenblatte herbeigesehnte grosse Aufregung unter der Bevölkerung, von der es ebenfalls schon zu melden wusste, trat denn auch bald ein, denn am Mittwoch wurden einem jüdischen Händler in der Ritterstrasse die Fensterscheiben eingeschlagen. Durch den ärztlichen Befund ist inzwischen festgestellt worden, dass der Ermordete vergiftet und die Leiche erst nach Eintritt der Leichenstarre zerstückelt worden ist. Wie die bisherigen Ermittlungen ergeben haben, stammt der Tote, der zweifellos ermordet worden ist, nicht aus B-uthen. Man nimmt vielmehr an, dass die Leiche aus dem nahen Russland oder Galizien an die Fundstelle geschafft worden ist. Diese Annahme wird durch

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