Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 4 (4.1906)
- Date
- 1906-04-01
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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14 Die durch die Geistesarbeit der vielen vergangenen Geschlechter, der verschiedensten Menschenstämme, allmälig entstandene rastlos vorwärtsstrebende Kultur kann doch unmöglich bestimmt sein, schliesslich einem frivolen, boshaften, hasserfüllten Afientume als Nährmutter zu dienen; da kann die Zeit doch nicht gar so ferne sein, wo sich die Einsichtsvollen auf die grossen, biblischen Grundsätze, von welchen die Erziehung des Menschengeschlechtes ihren Ausgang genommen, besinnen werden. Ein einziger, alleiniger Gott als Schöpfer aller Dinge, eine im Ganzen und Grossen zusammenhängende Welt als Stätte seines Waltens, eine trotz ihrer Mannigfaltigkeit zusammengehörige Menschheit und Achtung der Ebenbildlichkeit des Höchsten an allen vernunftbegabten Wesen, das sind Fundamente der Moral, die der nach innerer Einheit und Reinheit strebende Geist unerschütterlich finden muss, auf die wird man zurückkommen müssen, wenn die Nächstenliebe, welche, wo die Achtung tehlt, an das über den Sümpfen schwebende Licht der Fäulnis erinnert, überall eine gesunde Basis erhalten soll. In Anbetracht all dessen ist es von grosser Bedeutung, dass auf Erden ein Volk lebt, welches die Gottesidee und die mit ihr zusammenhängenden Grundwahrheiten in ihrer Ursprünglichkeit und Reinheit in seiner Mitte lebendig erhält und seine Ideale im Ganzen und Grossen höher schätzt als Erdenglück. Seine Glaubentreue bewirkt ja, dass man die von den ewigen Heilslehren handelnden Stellen, den Urkunden seiner Ahnen, nicht als tote Buchstaben einzusargen vermag, und der Umstand, dass die darauf gegründete Religion jahrtausendelang allen ätzenden, zersetzenden und gewaltsamen Einflüssen Trotz bietet, bringt dieselben den Denkenden immer vom Neuen in Erinnerung. Es wäre verfehlt, wo nicht gar lächerlich, wenn wir uns deswegen als die Lehrmeister der Völker aufspielen wollten. Das Licht vom Sinai ist für die gesamte Menschheit aufgegangen, wir als seine Träger haben indess nur darauf zu achten, dass es uns selbst auf allen Lebenswegen leuchte; ob und inwieferne sich die anderen ihm zuwenden, bleibt ihre eigene Sache, obwohl es uns nicht selten recht ernstlich berührt. Worauf es unsererseits sehr ankommt, ist, dass wir nicht einem Blinden gleichen, der ein Licht hält und dabei in finsterer Einsamkeit wandelt; es heisst vor allem, für das, was in und um uns vorgeht, ein offenes Auge haben und es im Lichte des Ewigen besehen. Wenn wir unsere Mission in diesem Sinne voll erfassen, fördern wir dadurch unsere verschiedenartigen Interessen und leisten, indem wir nebenher für die göttlichen Grundwahrheiten ein regeres Interesse erwecken, der Menschheit wertvolle Dienste.