Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 4 (4.1906)
- Date
- 1906-04-01
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/9756662-9603423-9603519--1375-9603532- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
13 Diese Zeugenschaft erheischt, noch mehr als jede andere, Wahrhaftigkeit, Nüchternheit und Lauterkeit des Charakters. Wo oder wie können sich solche in Massenkerkern, in markzehrender Armut oder unter dem Pesthauche des Hasses und der Missgunst in reichem Masse entwickeln und welchen Respekt flössen Zeugen ein, deren Handel und Wandel der Wahrheit hohnspricht?! Die Erfahrung lehrt, dass ein moralisches Gedeihen der Menschen ohne einen in irgend welcher Form vorhandenen Glauben an übersinnliche Macht unmöglich ist. Ebenso wissen wir, dass nur ein religiöser Glaube, der das Geisteslicht des Individuums zu vertragen geeignet ist, eine gute Gesinnung erzeugt und in ihm erhält. Eine höhere Bildungsstufe erheischt demnach einen ihr angemessenen lichtechten Glauben, der, von der Vernunft bestrahlt, nicht erblasst. Künstliche Scheidewände zwischen Fürwahrhalten und Denken tuen dem Egoismus auch im besten Falle nur wenig Abbruch und führen leicht zur Heuchelei. Es ist schon schlimm, wenn sich die Religion auf Pietät für die Vorfahren stützen muss, und sehr arg bestellt, wo sie sich ohne Machtsprüche, Denkfaulheit und Gesellschaftinteressen nicht erhalten könnte; in allen solchen Fällen sinkt sie zur blossen Werkheiligkeit herab und verliert ihre Segenskraft, den veredelnden Einfluss auf das Innenleben. So kommt es, dass in unseren Tagen, wo eine stark fortschreitende, wissenschaftliche Bildung die Menschen immer denkkräftiger macht und auch in den Massen, durch den die intellektuellen Kräfte immer mehr in Anspruch nehmenden, harten Daseinskampf die Denkfaulheit allenthalben abnimmt, die religiöse Bildung weder mehr verbreitet, noch irgend mehr vertieft wird als ehedem, Glaubenslosigkeit und Heuchelei einerseits und eitle Werkheiligkeit und verbohrter Zelotismus andererseits stets um sich greifen. Das Schamgefühl hat bereits sehr abgenommen, Verlogenheit, Raubgier, Mordlust, Menschenverachtung, Verleumdung und andere Merkmale der Sittenfäulnis wagen sich im politischen und gesellschaftlichen Leben ganz unverhüllt an die Oberfläche und scheuen unter Umständen selbst die geheiligten Stätten der Gesetzgebung und Rechtsprechung nicht mehr. Gar manche bringen es schon spielend zustande, von Frieden zu sprechen, wo sie den Krieg wollen, von Liebe, indem sie Hass schüren, von Gerechtigkeit, wo sie Vergewaltigung anstreben, von Erbarmen, wo sie grausames Unheil planen, von Freiheit, indem sie Knechtung wünschen, von Gottesfurcht, indem es ihnen nur um den Respekt vor ihrer Wenigkeit zu tun ist, und die Zahl solcher, die sich über derartige durchsichtige Gaukelspiele entrüsten, nimmt ab. Was soll aus der Menschheit werden, wenn dem keine Grenzen gesetzt werden, und was ist geeignet, solche bilden zu können?!