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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1906-04-01 · 4 (4.1906) · p. Seite 15

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
18 (1906)
Issue
4 (4.1906)
Date
1906-04-01
Page
Seite 15 (sequence 15)
Language
German
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15 Vor mehr als zwanzig Jahren hat ein berühmter Geschichtschreiber (Ferdinand Gregorovius) geschrieben: *) „Indem ich stets der Ansicht war, dass die Aufgabe des Judenvolkes vollendet gewesen sei, als dasselbe aus der Reihe der Nationen getilgt wurde, habe ich kulturgeschichtliche Zeugnisse für die Notwendigkeit der Fortdauer des Judentums aufgesucht und mich gefragt, ob für die Hebräer noch nach ihrem Untergange als Volk irgend eine bedeutende Mission im Dienste der Menschheit zu erweisen sei. Ich weiss es nicht, ich bin ratlos." Der Gelehrte war über die Mission Israels nicht besser unterrichtet als der junge Mann, an den er seinen Brief geschrieben, und hat sicherlich den Uebeln, an welchen die gebildete Welt krankt, nicht recht auf den Grund gesehen. Wir glauben, dargelegt zu haben, dass man diesbezüglich nicht ratlos sein muss. Leider sind in jüngster Zeit, wenn man so sagen darf, kulturhistorische Zeugnisse für die Notwendigkeit der Fortdauer der Religion der Menschenwürde von gedungenen Mörderhänden mit stromweise fliessenden Massen unschuldigen Blutes geschrieben worden. Die, welche einen systematisch vertierten Pöbel zu den an Juden, Armeniern und Volksgenossen verübten Massakres verleitet, waren ja Gebildete, und die sich dessen gefreut, zählen ebenfalls zum grossen Teile zu den Gebildeten, und nur ein geringer Teil der modernen Kalturwelt hat die schauerlichen Greueltaten als eine ihr angetane Schmach, als eine böse innere Angelegenheit des Menschengeschlechtes empfunden; das Gros hat darin nicht mehr als eine innere Angelegenheit eines fremden Staates erblickt. Tausendfache Erfahrungen haben gezeigt, dass der moralische Niedergang unserer Umgebung, gleichviel ob er der Verdummung oder einer einseitigen Aufklärung entstammt, für uns Unheil und ihr sittlicher Aufschwung für uns Heil bedeutet. — Es gibt kein Volk auf Erden, in dessen Interesse eine ethische Hebung der Nebenmenschen so tief gelegen, wie das jüdische. Das fordert naturgemäss, dass wir mit einer solchen in unseren eigenen Kreisen, überall wo es nötig und nur irgend angeht, den Anfang zu machen haben. Diesen Erwägungen folgend, kommt man zu dem Schlüsse, dass nur eine dem Zionismus der Propheten verwandte, mit den Mitteln des modernen Könnens und Wissens betriebene Selbstemanzipationsbeweguns-, die inneren und äusseren, chronisch gewordenen Uebelstände des Israelitenvolkes zu sanieren und an die Stellen, die der Fluch einnimmt, dauernden Segen zu setzen imstande wäre. Unter den Uebelständen, die wir meinen, sind *) „Briefe berühmter christlicher Zeitgenossen über die Judenfrage*" Von J. Singer.

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