Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 4 (4.1906)
- Date
- 1906-04-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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10 Das Judentum betont das Leben, nicht aber das ,.Sichausleben". Es betont „Mensch" nicht „Uebermensch". Und es ist besser so, denn das Korrelat zu Mensch ist Nebenmensch und das Korrelat zu Uebermensch ist Untermensch. Diesen Begriff des Nebenmenschen hat das Judentum entdeckt und gefunden und die Propheten haben ihn bis zum höchsten Grade entwickelt. Weil das Judentum den Begriff „Mensch" kennt und nicht den des „Uebermenschen" und weil es den Begriff der Liebe kennt, ist seine Ethik eine Ethik des gesunden Lebens. Die Fremdenliebe nächst der Menschenliebe hat das Judentum geschaffen und entdeckt. Die Erneuerung des Menschengeschlechtes, die Verbrüderung aller zu einem einzigen Stande ist ein Werk, des Judentumes. Keine Sozialethik eines Volkes hat diesen Begriff so wie das Judentum entwickelt. Kein klassisches Volk oder unklassisches hat den Gedanken verstanden, wie ihn das jüdische Volk verstanden hat, wie ihn die Sozialethiker der Gegenwart verstehen. Das „Sichausleben" als Nation und die Entwicklung der nationalen Tugenden eines Volkes sind eine nationale Arbeit, ein ethisches Werk, das zur Vollendung der Nation ebenso nötig ist, wie für die Gesellschaft die Entwicklung der Eigenschaften des Individuums. Ebenso wichtig ist es aber, zu betonen, dass ob der nationalen Idee die Idee der Menschheit nie verloren gehen darf und nie verloren ging im Judentum. Nicht ein verwaschener und unklarer Kosmopolitismus lässt mich solcher Ueberzeugung sein. Dass das Judentum eine nationale Kraft in sich hat, muss die Gegenwart zugeben; sie muss aber doch zugeben, dass das Judentum in erster Linie Religion bedeutet und Religion bedeuten muss. Aus Religion lehrt es den einzigen Gott verehren, seinen Nebenmenschen lieben, schafft es für den Neben menschen und dieMen schneit, die grosseldee des Rechte s aufArbeit, auf Ruhe, des Rechtes auf Freude, des Rechtes aufGleichwertigkeit aller, dieneben uns leben in dieser Welt, schuf es den messianischen Begriff der ewigen sittlichen Arbeit. Was Heinrich Heine mit bitterem Humor vom Gotte der Juden sagt: „Unser Gott, der ist lebendig Und in seiner Himmelshalle Existieret er dranf los Durch die Ewigkeiten alle." Ich möchte es ernst nehmen. Wir existieren auch drauf los Wer das Judentum hat, dem kann man es nicht nehmen; wer es nicht hat, dem kann man es schwer geben, d. h. wer das Tudentum erfasst hat, die Rein-